Bäume souverän kontrollieren und pflegen

MÜNCHEN, 02.02.2016 – Baumkontrolleure und Baumpfleger kommen bei der Baumbeurteilung nicht selten zu unterschiedlichen Ergebnissen. Daher setzt das Ausbildungskonzept der Münchner Baumkletterschule auf die Verknüpfung beider Arbeitsbereiche, wovon beide Gruppen profitieren können.

Von Dr. Henrik Weiß, Dresden

Baumkontrolleure müssen in der Lage sein, sinnvolle Maßnahmen zur Förderung der Baumentwicklung zu empfehlen. |Foto: Büro Baum und Landschaft
Baumkontrolleure müssen in der Lage sein, sinnvolle Maßnahmen zur Förderung der Baumentwicklung zu empfehlen. |Foto: Büro Baum und Landschaft

Die Baumkontrolle ist wesentlicher Bestandteil der Verkehrssicherungspflicht von Baumeigentümern. Der Grundstückseigentümer muss einerseits dafür sorgen, dass durch seine Bäume keine Schäden für andere entstehen (Verkehrssicherungspflicht, Nachbarrecht). Andererseits hat er Anspruch auf Ersatz, wenn an seinen Bäumen Schäden entstehen. Weil Bäume aber auch aus gesellschaftlichem Interesse erhaltenswert sind, werden dem Eigentümer enge Grenzen gesetzt: überwiegend durch das Naturschutzrecht, aber auch durch Bodenschutz- und Umweltschadensrecht. Sind Bäume Teil eines (Garten-)Denkmals, greift auch das Denkmalschutzrecht. Baumeigentümer haben also Pflichten. Um diese zu erfüllen, sind sie überwiegend auf Fachleute angewiesen. Gerade die manchmal gegensätzlichen, rechtlichen Regelungen – z.B. zur Verkehrssicherungspflicht und zum Naturschutz – und die Regeln zum Baumschutz während Baumaßnahmen im Baumumfeld stellen hohe Anforderungen an das rechtliche und fachliche Wissen derjenigen, die sich professionell mit Bäumen befassen. Eine gezielte Aus- und Fortbildung ist deshalb für Baumpfleger und Baumkontrolleure unabdingbar.

Baumkontrolle und Baumpflege ergänzen sich

Hauptaufgabe der Baumkontrolle ist es, die Bäume regelmäßig auf Anzeichen von Gefahren zu überprüfen und ggf. erforderliche Maßnahmen zur Gefahrenbeseitigung festzulegen – immer mit dem Ziel, den Baum möglichst zu erhalten. Bei der Baumkontrolle, insbesondere bei der Festlegung von Pflegemaßnahmen, sollten folgende Aspekte eine Rolle spielen: Gefahrenerkennung und -beseitigung, Erhaltung von Bäumen als Bestandteil urbanen Grüns, Natur- und Artenschutz, baumbiologisch sinnvolle Entscheidungen. Baumkontrolleure müssen ein fundiertes Fachwissen über Bäume und mögliche Gefahrenmerkmale besitzen. Sie sollten aber auch in der Lage sein, sinnvolle Maßnahmen zur Förderung der Baumentwicklung zu empfehlen. Denn gerade solche Maßnahmen tragen oft zur Bruch- und Standsicherheit bei und halten Bäume langfristig verkehrssicher.
Die Umsetzung der empfohlenen Maßnahmen erfolgt normalerweise nicht durch den Baumkontrolleur, sondern durch einen Baumpfleger. Dieser ist häufig durch seinen Vertrag mit dem Baumeigentümer weitgehend an die Umsetzung der bei der Baumkontrolle festgelegten Maßnahmen gebunden. Baumpfleger können Schadsymptome manchmal besser erkennen und beurteilen aufgrund von Fachwissen, praktischer Erfahrung und nicht zuletzt deshalb, da sie einen Baum meist länger und aus anderen Perspektiven im Blick haben (Kronenbereiche). Dadurch kann es zu einer unterschiedlichen Bewertung durch Baumkontrolleur bzw. Baumpfleger und zu Diskussionen mit dem Auftraggeber kommen. Baumkontrolleure wiederum haben den Vorteil, Regeneration und Baumentwicklung, z.B. nach einer Schnittmaßnahme, noch viele Jahre nach der Maßnahme beobachten und beurteilen zu können – wenn sie Baumbestände über längere Zeiträume betreuen. Wegen eines solchen „Monitorings“ lassen sich dann auch Empfehlungen für eine langfristige Förderung des Baumbestandes ableiten.

Baumkontrolle erfordert ein fachlich fundiertes und praxisorientiertes Vorgehen. | : Büro Baum und Landschaft

Baumkontrolle erfordert ein fachlich fundiertes und
praxisorientiertes Vorgehen. | Foto: Büro Baum und Landschaft

Das Konzept der Münchner Baumkletterschule

Wegen der engen inhaltlichen Verflechtung von Baumkontrolle und Baumpflege, ist es erforderlich, dass bei Baumbeurteilung und möglichen Maßnahmen Baumkontrolleure und Baumpfleger grundlegend gleiche Kenntnisse besitzen. An der Münchner Baumkletterschule werden seit vielen Jahren beide „Berufsgruppen“ weitergebildet. Dabei zeigt sich, dass bei beiden Gruppen ein großes Interesse an einer interdisziplinären Ausbildung besteht. Baumpfleger schätzen die Ausbildung zum FLL-Zertifizierten Baumkontrolleur als wichtigen Baustein für ein kundenorientiertes Leistungsspektrum. Baumkontrolleure verbessern mit praxisorientierten Baumpflege-Kursen ihr Urteilsvermögen bei der Erkennung von Symptomen und der praktikablen Planung von Maßnahmen.

Regelmäßige Sichtkontrollen und ihre Folgen

Zentrales Element der Baumkontrolle und damit auch für die Verkehrssicherheit von wesentlicher Bedeutung ist eine regelmäßige Sichtkontrolle (Regelkontrolle). Diese erfolgt als qualifizierte Inaugenscheinnahme, vom Boden aus, ohne Aufgraben der Wurzeln. Ziel einer jeden sorgfältigen, qualifizierten Inaugenscheinnahme sollte die Beantwortung der Frage sein: „Ist die Verkehrssicherheit gegeben?“ Ist das nicht der Fall, besteht selbstverständlich Handlungsbedarf. Die Pflichterfüllung ist erst dann beendet, wenn die Gefahren durch entsprechende Maßnahmen beseitigt wurden. Das können Baumpflege- und Sicherungsmaßnahmen, aber auch die Fällung des Baumes sein. Normalerweise werden bei der Regelkontrolle Aussagen über die Verkehrssicherheit des untersuchten Baumes für den Zeitraum innerhalb des Regelkontrollintervalls getroffen. Um die Verkehrssicherheit kurzfristig wiederherzustellen und bis zur nächsten Regelkontrolle zu erhalten, sind Maßnahmen, welche die Entwicklung des Baums langfristig fördern und/oder künftigen Fehlentwicklungen vorbeugen zwar nicht immer zwingend erforderlich. Für ein sinnvolles Baummanagement sind sie aber sehr wichtig.
Wird bei der Sichtprüfung z.B. festgestellt, dass Entwicklungen in der Krone, am Stamm, im Wurzelbereich und/oder im Baumumfeld langfristig zu statischen oder gesundheitlichen Problemen für den Baum führen können, ist es sinnvoll, frühzeitig entgegenzuwirken (siehe Grafik, grün hinterlegte Blöcke). Deshalb wird bei der Ausbildung von vornherein auch großes Augenmerk auf den „grünen Weg“ im abgewandelten Schema aus der Baumkontrollrichtlinie (FLL 2010) gelegt (vgl. Grafik). Eine „gute“ Baumkontrolle integriert die Erkenntnisse zur Vitalitäts-, Standraum- und Baumentwicklung in das Konzept zur Baumbeurteilung. Ziel sind immer möglichst gesunde, vitale und verkehrssichere Bäume. Wird Handlungsbedarf im Bereich der Baumpflege frühzeitig erkannt und die entsprechenden Maßnahmen rechtzeitig umgesetzt, wird auch die zukünftige Verkehrssicherheit des Baums gewahrt oder hergestellt. Der Aufwand, der später für Kontrolle und Pflege notwendig ist, wird so möglichst gering gehalten. Zudem sind gesunde, vitale und verkehrssichere Bäume für den Baumeigentümer monetär höherwertig (FLL 2013).
Dr. Henrik Weiß

Dr. Henrik Weiß ist Dipl.-Ing. für Forstwirtschaft, öffentlich
bestellter und vereidigter Sachverständiger für Gehölze,
Schutz- und Gestaltungsgrün, Gehölzwertermittlung,
Baumsanierung und Bewertung der Verkehrssicherheit
und Inhaber von Büro Baum & Landschaft, Dresden.

Kurse zum FLL-Zertifizierten Baumkontrolleur

Die Kurse zum FLL-Zertifizierten Baumkontrolleur orientieren sich im Kern daran, was in der entsprechenden Prüfung abgefragt wird. Darüber hinaus wird gemäß dem oben beschriebenen Anspruch der Münchner Baumkletterschule aber ein besonderer Schwerpunkt auf Planung und Kontrolle fachgerechter Baumpflege-Maßnahmen nach jeweils aktueller ZTV-Baumpflege gelegt. In den angebotenen Modulen 1 bis 4 erlernen und vertiefen die Kursteilnehmer das theoretische Grundwissen. Außerdem trainieren und ergänzen sie ihre Fertigkeiten für eine fachlich qualifizierte Baumansprache und -kontrolle in praktischen Übungen. In einem Intensiv-Modul werden die Teilnehmer optimal auf die Prüfung zum FLL-Zertifizierten Baumkontrolleur vorbereitet

Interdisziplinäre Kurse und vertiefende Seminare

Die Maßnahmenplanung bei der Baumkontrolle zielt in erster Linie auf vorbeugende, erhaltende, verkehrssichernde und nachsorgende Maßnahmen ab, die als fachlich anerkannter Stand der Technik geeignet sind, die Bruch- und Standsicherheit wiederherzustellen. Notwendige Eingriffe und deren Intensität wie Kronenpflege, Kroneneinkürzung und Sicherungsmaßnahmen aus der jeweils aktuellen Fassung der ZTV- Baumpflege (FLL 2006) sollen möglichst gering gehalten werden. Deshalb sind die Bäume bei der Baumkontrolle stets auch daraufhin zu überprüfen, ob bzw. mit welcher Eingriffsstärke solche Pflegemaßnahmen erforderlich sind. Aus diesem Grund müssen diejenigen, die für Baumkontrolle zuständig sind, neben der Schadenskunde auch Kenntnisse über baumbiologische Zusammenhänge sowie Erfahrungen mit praktischer Baumpflege und deren möglichen Auswirkungen besitzen. Das Kurskonzept der Münchner Baumkletterschule beinhaltet deshalb Seminare, die sich sowohl an Baumkontrolleure und Baumsachverständige (mit Schwerpunkt Maßnahmenplanung), als auch an ausführende Baumpfleger richten. Schwerpunkt der interdisziplinären Kurse und vertiefenden Seminare ist die Wissenserweiterung durch Theorie, praktische Übungen und die fachlichen Diskussionen mit Kollegen. Durch die kleinen Seminargruppen und die Exkursionen bzw. praktischen Übungen ist die Wissensvermittlung sehr intensiv. bi