Izmit Bay Bridge:

4 Meter mehr Spielraum bei Erdbeben

MÜNCHEN, 03.02.2016 - Die Hängebrücke mit der zweitgrößten Spannweite der Welt entsteht derzeit über der Izmit Bay in einer der aktivsten Erdbebenzonen der Welt. Auch nach Erdbebenstärke 8 wird die Brücke befahrbar bleiben. Das gewährleistet die Maurer Fusebox.

Izmit Bay Bridge in der Bauphase
Künftige Schönheit: Die neue Brücke erinnert an die Severn Brücke, die erste Hängebrücke mit schrägen Hängern.

Die Izmit Bay Bridge (Türkisch İzmit Körfez Köprüsü) liegt im Osten des Marmarameeres, westlich von Izmit und rund 50 km südöstlich von Istanbul. Sie bildet ein Teilstück der Autobahn Istanbul-Izmir und überbrückt die Izmit Bay in Nord-Süd-Richtung. Das wird die Fahrtzeiten in der Region deutlich verkürzen. Kernstück der Izmit Bay Bridge mit drei Fahrspuren in jede Richtung ist die 2,7 km lange Hängebrücke. Sie verläuft 64 m über Grund. Ihre Hauptspannweite wird 1.550 m betragen, die zweitlängste Spannweite der Welt. Die Auffahrtsrampen sind 566 m lang, die Gesamtbrücke ist bis zu 35,40 m breit.

Erdbebensichere Fahrbahnübergänge

Die Brücke soll auch im Erdbebenfall funktionsfähig bleiben. Die tragende Konstruktion der Hauptbrücke besteht aus Beton und hochfestem Stahl, letzterer insbesondere auch für die beiden 252 m hohen Pylone und die Seile. Die Pylone ankern in Betonfundamenten, die auf riesigen Kiesbetten liegen und dort im Falle eines größeren Erdbebens gleiten können. Das entkoppelt die Brücke zumindest teilweise von den gewaltigen Erdbebenenergien.
Doch es geht nicht nur um den Erhalt des Bauwerks. Kritischer Punkt beim Erdbeben sind extreme horizontale Bewegungen: Wenn der Brückenkörper während der Erdbebeneinwirkung an seiner freien Bewegung behindert wird, kann dies die Tragfähigkeit des Bauwerks gefährden.
Gefragt sind also Dehnfugen mit Sollbruchstellen, die im Erdbebenfall weitere Wege zulassen und die dennoch danach befahrbar bleiben. Maurer hat für diesen besonderen Bewegungsfall Übergangskonstruktionen (Ükos) mit Fusebox entwickelt.
Die Ükos mit 28 Lamellen machen schon im Servicebetrieb Bewegungen von +/- 1.400 mm. Im Falle eines angenommenen 500-Jahre-Erdbebens leisten sie +/- 3.770 mm, also rund 2 m mehr in beide Richtungen. Diese Zusatz-Gleitwege eröffnet eine Fusebox, eine Sicherungseinrichtung mit Sollbruchstelle.
Die Besonderheit der Maurer-Fusebox ist, dass die Dehnfuge auch die extremen Bewegungen mitmacht: Wenn das Erdbeben eine Schließbewegung und anschließend eine Öffnung verursacht, gehen die Dehnfugen weiter mit und öffnen sich wieder. Das gewährt die Überfahrbarkeit für Notfallfahrzeuge. Die Dehnfuge selbst ist nach Aktivierung der Sollbrucheinrichtung nicht beschädigt. Letztere kann aber einfach instand gesetzt werden.

Baustelle Izmit Bay Bridge
Einbau der 5-profiligen Dehnfuge an der nördlichen Auffahrt: Die spezielle Übergangskonstruktion mit Sollbrucheinrichtung erlaubt im Ernstfall Bewegungen bis zu +/- 3,8 m.

Funktionalität getestet

Getestet wurde das komplette System bei ENEA (Agenzia Nazionale per le Nuove Tecnologie, l’Energia e lo Sviluppo Economico Sostenibile) in Casaccia, Italien. Für das 500-Jahre-Erdbeben wurde eine Bauwerksbeschleunigung von bis zu 0,2 g angenommen und getestet. Die Versuche bestätigten die Funktionalität der Dehnfugen. Maurer entwickelte, produzierte und testete alle vier Brückenfugen: zwei 28-profilige Dehnfugen (Typ DS 2800-F2) mit 100 mm Fugeneinzelspalt, je 25,40 m breit, sowie zwei 5-profilige Dehnfugen (Typ DS400-F2) mit 80 mm Fugeneinzelspalt und 30,40 m bzw. 28,00 m breit.
Die 5-profiligen Dehnfugen am Nordufer wurden im September 2015 eingebaut. Sie sind länger, weil sich die Brücke dort mit Auf- und Abfahrtsrampen weitet. Die 28-profiligen Fugen werden voraussichtlich im März eingebaut.

Vorbild aus Großbritannien

Vom Design her ist die Izmit Bay Bridge eine tiefe Verbeugung vor der revolutionären Severn Brücke in Großbritannien, die 1966 als erste Hängebrücke mit schrägen Hängern eröffnet wurde. Verantwortlich hierfür ist das dänische Architekturbüro Dissing+Weitling.
Der Bau der Brücke begann 2012, 2017 soll sie eröffnet werden. Die Kosten belaufen sich auf ca. 800 Millionen Euro. Die Hauptbrücke errichtet die japanische IHI, die südliche Auffahrt die türkische Nurol, die nördliche die italienische Astaldi. Betreiber ist die Firma Nömayg, ein Konsortium aus den fünf türkischen Unternehmen Nurol, Özaltın, Makyol, Yüksel and Gocay. bi

Maurer Fusebox

Die 28-profiligen Dehnfugen wurden im Januar in die Türkei geliefert und sollen im März eingebaut werden. | Fotos: Maurer