Mehr urbanes Grün gegen Klimaprobleme

BERLIN, 04.02.2016 – Vor allem in den großen Städten muss in Deutschland in Zukunft mit Beeinträchtigungen durch den Klimawandel gerechnet werden. Wie können Städte klimagerecht und zukunftsorientiert entwickelt werden? Welche Rolle werden dabei urbane Grünflächen spielen?

den Parkanlagen kommt in Zukunft eine wichtige Aufgabe zu
Die klimarelevanten Effekte von lebendigem Grün müssen künftig in der Stadtentwicklung stärker genutzt werden, darüber waren sich die grünen Verbandsvertreter einig. | Foto: BGL
Im Rahmen einer Diskussionsrunde auf Initiative des Bundesverbandes Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (BGL), des Bundes deutscher Baumschulen (BdB) und des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten (bdla) wurden diese Themen diskutiert. Städte und Menschen in Deutschland werden hierzulande mit gravierenden Veränderungen durch den Klimawandel rechnen müssen. Dies geht aus einer Studie zur Verwundbarkeit Deutschlands durch den Klimawandel hervor, die das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) zusammen mit dem Umweltbundesamt und dem Deutschen Wetterdienst vorgestellt hat. So wird bis zur Mitte des Jahrhunderts die Gefahr von Hochwassern oder Hitzewellen stark zunehmen. Insbesondere die Ballungsgebiete um Berlin, München, Rhein-Ruhr- und Rhein-Main-Gebiet müssen sich auf vermehrte Hitzewellen einstellen. „Die prognostizierte Zunahme von Hitzewellen in den Städten bis 2050 zeigt, dass es jetzt mehr denn je notwendig ist, mit Stadtgrün gegen den Klimawandel vorzugehen. Die Städte müssen klimasicher geplant und gestaltet werden. Dazu gehört auch, die klimarelevanten Effekte von lebendigem Grün für das Stadtklima in der Stadtentwicklung stärker zu nutzen“, so BGL-Präsident August Forster.

Teilnehmer der Diskussionsrunde über urbanes Grün
BGL-Präsident August Forster, BdB-Präsident Helmut Selders und Till Rehwaldt, Präsident des bdla, (v.l.) luden zum Parlamentarischen Frühstück in die Parlamentarischen Gesellschaft Berlin ein.

Handlungsbedarf bei den Grünflächen

Angesichts der Tatsache, dass Bäume, Parks und Gärten, also städtische Grünflächen, gerade mal neun Prozent der Siedlungsfläche ausmachen, bestehe hier dringender Handlungsbedarf. Nach Auffassung des Branchenverbandes der Landschaftsgärtner wird in den bisherigen Diskussionen um Klimawandel gerechte Städte der Fokus immer noch zu sehr auf technische Lösungen gesetzt. Dabei könnten mit mehr Grün in den Städten natürliche Möglichkeiten zur Reduzierung von CO2 und Feinstaub geschaffen werden. „Aus diesem Grund sind wir alle gefordert, Politiker, Experten und die Bevölkerung, angesichts der zu erwartenden Auswirkungen des Klimawandels, neue Wege zu denken, um unsere Städte klimasicher zu gestalten. Dazu gehört selbstverständlich auch dem Stadtgrün in der Stadtentwicklung einen höheren Stellenwert zu geben – zumal „grüne“ Lösungen oft auch kostengünstiger sind als aufwendige technische Lösungen“, erklärt August Forster, der in diesem Zusammenhang besonders auf den aktuellen Weißbuch-Prozess setzt. Das für 2017 angekündigte Weißbuch „Stadtgrün“ soll durch konkrete Handlungsempfehlungen und Umsetzungsmöglichkeiten aufzeigen, wie Grünanlagen intelligent in Städte integriert werden können. „Wenn alle beteiligten Akteure aus Politik, Wissenschaft, Gartenämtern, Landschaftsarchitekten und Verbänden in diesem Prozess das Lösungspotential von Stadtgrün in der integrierten Stadtentwicklung anerkennen, könnten aus den Handlungsempfehlungen Maßnahmen für die Kommunen abgeleitet werden, die die Klimaanpassung der Städte nachhaltig verbessern und damit auch gleichzeitig die Lebensqualität für die Bevölkerung erhöhen“, ist Forster überzeugt.

Teilnehmer der Diskussionsrunde über urbanes Grün
"Klimaschutz findet vor Ort statt. Insbesondere die Kommunen haben die Chance, Maßnahmen zur Reduzierung der Treibhausemissionen und zur Verbesserung der klimatischen Verhältnisse in der Stadt zu ergreifen," so August Forster.

Graue und grüne Infrastruktur

Till Rehwaldt, Präsident des bdla, informierte die Abgeordneten über die aktuelle Diskussion um die Neu-Definition von Freiraumsystemen, die im Rahmen der „Strategie Grüne Infrastruktur“ erstmals EU-weit geführt wird. Auf dieser Basis eröffnet sich eine weit gesteckte Perspektive auf die „grüne Infrastruktur“, die sich nunmehr neben der „grauen Infrastruktur“ als ein eigenständiges System etabliert. Er appellierte an die Parlamentarier, im Prozess der Erstellung des Weißbuches ‚Grün in der Stadt‘ und bei der laufenden BauGB-Novelle die notwendigen Weichenstellungen noch in dieser Wahlperiode vorzunehmen.

Grünflächen in schlechtem Zustand

'BdB-Präsident Helmut Selders lenkte vor diesem Hintergrund die Aufmerksamkeit auf den aktuellen Zustand des Stadtgrüns und beschrieb den dort vorhandenen Handlungsbedarf: „Der jetzige Zustand des Stadtgrüns ist vielfach besorgniserregend und kann so die positiven Potentiale einer intensiven Stadtbegrünung nicht ausschöpfen. “Durch massive finanzielle Engpässe der letzten Jahre in den Gartenämtern seien qualitativ hochwertige Grünflächen verloren gegangen oder in einem schlechten Pflegezustand. Gerade der Extremstandort Straße sei aber für Bäume mit hohem Stress verbunden, weshalb eine besondere Sorgfalt bei Pflanzung und Pflege der Gehölze nötig sei. Hier fehle es an ausreichend gärtnerischem Fachpersonal. Angesichts des drohenden Klimawandels müssten immense Anstrengungen unternommen werden, um die grünen Freiräume in der Stadt darauf vorzubereiten. Dies gelte für die Sortenauswahl, die Standorte und die Pflege insbesondere der Bäume. „Dass das eine Ausweitung der personellen und finanziellen Ressourcen nach sich zieht, ist evident“, so Selders. Daher bleibe die Verabschiedung der Bundeskompensationsverordnung und die damit verbundenen Ökokonten weiterhin eine wichtige Aufgabe für die Politik. bi