Standsicherheit soll nicht gegeben sein

RWTH-Professor fordert Baustopp für Hochmoselbrücke

KIEL, 08.01.2015 – Wenn Professor Azzam von der RWTH Aachen mit seinen Bedenken richtig liegt – und dafür spricht vieles – muss der Bau der Hochmoselbrücke gestoppt werden. Er hält das Bauwerk für nicht sicher. Weder die Stand- und Erbeben-, noch die Wassersicherheit seien nachgewiesen worden.

Der Bau der Hochmoselbrücke soll nach Meinung mehrerer Experten nicht sicher sein. Mittlerweile wurde auch die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.

Von Hubert Kischel, Göttingen   

Professor Rafig Azzam ist Inhaber des Lehrstuhls für Ingenieurgeologie und Hydrogeologie an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen. Auch international gilt er als renommierter Experte und Kapazität in seinem Fachgebiet. Unter anderem ist der 63jährige als Gutachter der Staatsanwaltschaft im Verfahren zum Einsturz des Kölner Stadtarchivs beteiligt, und vor einiger Zeit hat er sich auch die Pläne für die Hochmoselbrücke genau angesehen. Den Ausschlag dafür gab ein Kontakt mit der Bürgerinitiative „Pro-Mosel“, die schon seit Jahren versucht, den Bau der Brücke zu verhindern. „Mich hat“, sagt der Professor, „ganz einfach die Brücke interessiert“. Ein Honorar für seine Arbeit habe er nicht erhalten.
Die Hochmoselbrücke ist das derzeit wohl größte Brückenbauwerk Europas und Teil der insgesamt etwa 25 Kilometer langen Neubaustrecke der B 50 neu, die die A1 ab dem Autobahnkreuz Wittlich in der Eifel mit dem Hunsrück verbinden soll. Dort liegt der Flughafen Hahn. 158 Meter hoch, 1,7 km lang und vierspurig ausgebaut, wird sich die Balkenbrücke in der Nähe des Touristenortes Bernkastel-Kues über das Moseltal spannen. Die ursprünglich geplanten Kosten von 375 Millionen Euro haben sich mittlerweile auf 456 Millionen erhöht. Außerdem soll die Brücke nicht wie geplant 2016, sondern erst 2018 fertig werden. Die Pfeiler auf der Südseite der Mosel stehen bereits oder sind noch im Bau. Auf der gegenüberliegenden Flussseite, am Ürziger Berg, haben die Arbeiten erst Ende vergangenen Jahres begonnen. Ob sie planmäßig zu Ende geführt werden können, ist zumindest zweifelhaft. Denn der Ürziger Berg, ein mit Weinreben und Wald bewachsener Rutschhang, ist nach Meinung von Azzam alles, nur nicht sicher. „Der Berg kriecht“, sagt er. Der Bau müsse gestoppt werden.

Erschütternde Bilanz

Was der Professor bei seinen Untersuchungen herausgefunden haben will, ist eine erschütternde Bilanz von Inkompetenz, Unfähigkeit und Selbstüberschätzung. Obwohl es sich beim Ürziger Berg um einen Rutschhang handele, seien die nach den DIN-Vorschriften erforderlichen Nachweise für die Standsicherheit nicht erbracht worden. Angewandt werde ausschließlich die Beobachtungsmethode. Und das, so Azzam, „ist nicht zulässig“. Die Beobachtungsmethode könne ein Sicherheitskonzept nur ergänzen und damit für noch mehr Sicherheit sorgen, nicht aber das Konzept ersetzen. Die ganze Planung, so der Professor weiter, basiere speziell auf einem Gutachten. Die Untersuchungen, die darin gemacht wurden, seien jedoch weder „nachvollziehbar“ noch „vollständig“. Auch die nötigen Nachweise für die Erdbeben- und Wassersicherheit konnte er nicht finden. Das Ganze, sagt Azzam, „ist einfach so aus dem Ärmel geschüttelt worden“. Wie man unter diesen Umständen bauen kann, ist ihm „völlig unverständlich“. Der Brückenbau sei „verantwortungslos“. Er sieht Menschenleben in Gefahr.
Bis vor einigen Wochen hatte es Azzam noch für durchaus möglich gehalten, dass die ihm vorliegenden Unterlagen nicht vollständig sind und deshalb die erforderlichen Nachweise, insbesondere für die Standsicherheit, nicht vorliegen. Bei einer Zusammenkunft mit Vertretern der für den Brückenbau verantwortlichen Behörde, dem Landesbetrieb Mobilität Rheinland-Platz (LBM), habe er jedoch feststellen müssen, dass das nicht der Fall sei. „Meine Einwände konnten nicht aus dem Weg geräumt und die fehlenden Nachweise nicht vorgelegt werden.“ Auch Belege für die Richtigkeit ihrer eigenen Aussagen, hätten die Vertreter des LBM nicht präsentieren können. Jetzt hat man verabredet, sich in einigen Wochen wieder zu treffen.

Obwohl es sich um einen ungesicherten Rutschhang handelt, haben die Bauarbeiten für das Widerlager auf dem Ürziger Berg begonnen.

Vorwürfe zurückgewiesen

Die Verantwortlichen beim LBM sind, trotz all der Einwände und Bedenken, weiterhin der Meinung, der Brückebau sei sicher. Wie der Betrieb auf Anfrage schriftlich mitteilte, sei die „Standsicherheit belegt“ und sowohl die Erdbeben- als auch die Hochwassersicherheit überprüft worden. Die entsprechenden Nachweise lägen vor. Eine Sicherung des Hangs vor Beginn der Arbeiten sei nicht nötig gewesen, da dazu „keinerlei Anlass besteht“. Der Berg krieche nicht. Auch die Beobachtungsmethode hätte angewandt werden können. Man gehe, so der LBM, weiterhin davon aus, „dass der Hochmoselübergang, ohne vorher den Hang abzusichern, sicher gebaut werden kann“.
Erhebliche Zweifel an der Richtigkeit dieser Aussage hat nicht nur Professor Azzam. Schon Ende 2013 hatte der Leiter des rheinland-pfälzischen Landesamtes für Geologie, Harald Ehses, darauf hingewiesen, dass es sich beim Ürziger Berg um einen Rutschhang handele, der nicht ausreichend untersucht worden wäre.(...)

Den vollständigen Beitrag lesen Sie im aktuellen bi-BauMagazin, das am 12. Januar erscheint.

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