Grüne Infrastruktur: eine wichtige Aufgabe der Stadtplanung

DORTMUND, 25.02.2016 – Lange Zeit wurde die „Grüne Infrastruktur“ als wichtiges Element der Stadt- und Regionalplanung unterschätzt. Zu Unrecht, wie aktuelle Forschungsergebnisse zeigen. Grünflächen können in verschiedensten Bereichen einen wichtigen Beitrag zur Erhöhung der Lebensqualität leisten.

Von Dr. Karsten Rusche, Runrid Fox-Kämpfer, Dr. Mario Reimer, Christine Rymsa-Fitschen und Jost Ilker vom ILS - Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH, Dortmund

Auch im innerstädtischen Kontext gewinnen die Brach- und Freiflächen und verschiedenen Formen grüner Infrastruktur an Bedeutung. Zugleich rücken dabei neue sozio-kulturelle und klimapolitische Facetten in den Blick. Das dieser Folge zugrundeliegende TRENDS 3/15 resümiert den bisherigen Forschungs- und Erkenntnisstand des nordrhein-westfälischen Institutes für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH (ILS) zu diesem Thema und versucht, den oft als sperrig empfundenen Begriff der „grünen Infrastruktur“ mit konkreten Inhalten zu füllen, um seine Relevanz in Politik und Planung weiter zu stärken.
Seit einigen Jahren ist ein starker Bedeutungszuwachs freiraumbezogener Planung in der Stadtentwicklung festzustellen. Einst als „Restflächen“ nur wenig beachtet, rückt das urbane Grün heute als wesentliches stadtentwicklungspolitisches Potenzial verstärkt in den Fokus. Ziel ist es hierbei, Planung anhand zusammenhängender Freiraumsysteme auszurichten, um Gemeinwohleffekte zu maximieren. Entlehnt aus einem etablierten internationalen wissenschaftlichen Diskurs zum Thema „green infrastructure“ gewinnt der Oberbegriff „grüne Infrastruktur“ auch in Deutschland zunehmend an Bedeutung. Dies gilt für wachsende Städte, auf denen ein massiver Entwicklungs- und Verwertungsdruck auf den noch verbleibenden Freiräumen lastet, vor allem aber auch für schrumpfende Städte, in denen sich neue Optionen für die Gestaltung und Vernetzung von Freiräumen eröffnen. Der Begriff der „grünen Infrastruktur“ subsumiert ein „strategisch geplantes Netzwerk wertvoller natürlicher und naturnaher Flächen mit weiteren Umweltelementen, das so angelegt ist und bewirtschaftet wird, dass sowohl im urbanen als auch im ländlichen Raum ein breites Spektrum an Ökosystemdienstleistungen gewährleistet und die biologische Vielfalt geschützt ist“ (Europäische Kommission 2013). Somit umfasst grüne Infrastruktur in Stadtregionen eine große Bandbreite klassischer Freiraumtypen: Parks, Sportstätten, Spielplätze, Friedhöfe, kleinere Grünzüge, Klein- und Gemeinschaftsgärten, Straßenbäume, aber auch „vertikale“ Formen des Grüns wie Dach- und Fassadengrün. Ebenfalls spielen die verbindenden Elemente wie Rad- und Wanderwege eine Schlüsselkomponente in der Betrachtung grüner Infrastruktur als Netzwerk verschiedenartiger Flächennutzungen.
Grüne Infrastruktur am Neckar
Fuß- und Radweg entlang des renaturierten Neckar (Esslingen). | Foto: Verband Region Stuttgart

Grünes Multitalent

Im fachlichen Diskurs wird der besondere Stellenwert strategisch geplanten Stadtgrüns vor allem im Rahmen der integrierten, auf Nachhaltigkeit ausgelegten Stadtentwicklung betont, um verschiedene gesellschaftliche Anforderungen an die soziale, gebaute und natürliche Umwelt zu erfüllen. Als „Ökosystemleistungs-Multitalent“  bezeichnet, entfaltet grüne Infrastruktur aus raumplanerischer Sicht insofern eine besondere Relevanz. Hierbei sind jene Leistungen der Natur gemeint, die der Bevölkerung bereitgestellt werden und aus denen sie einen sozialen, ökologischen und ökonomischen Nutzen auf verschiedenen Ebenen ziehen kann. Dieser Dreiklang an Wirkungsfeldern und der Fokus auf eine integrierte, vernetzte Betrachtung von Freiräumen bildet den wesentlichen Mehrwert des Konzeptes grüner Infrastruktur gegenüber konventionellen Ansätzen der Freiraumplanung.
Im Feld der sozialen Wirkungen lässt sich anführen, dass grüne Infrastruktur einerseits einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Miteinander liefert und andererseits eine Grundlage für Gesundheit und Wohlbefinden darstellt. Dadurch, dass Grünflächen Orte der Begegnung sind (z.B. Parks oder Sportplätze), sichern sie den sozialen Austausch. Gerade in dicht besiedelten Nachbarschaften ist dieses Potenzial grüner Infrastruktur sehr bedeutsam. Gesundheit und Wohlbefinden der städtischen Bevölkerung werden durch Elemente grüner Infrastruktur ebenfalls positiv beeinflusst. Schließlich bietet grüne Infrastruktur Gelegenheiten zur individuellen körperlichen Aktivität und lädt dazu ein, sich zu bewegen, was die physische Gesundheit erhöht. Zusätzlich wirkt grüne Infrastruktur stressreduzierend und erhöht somit auch die mentale Gesundheit.

Klimawandel

In Bezug auf ökologische Funktionen ist besonders zentral, dass grüne Infrastruktur zu einer Anpassung an den Klimawandel beitragen kann. Das Stadtklima wird durch die Sicherung von Kaltluftschneisen und die Abmilderung von Hitzeinseleffekten sowie durch verbesserte Luftqualität positiv beeinflusst. Darüber hinaus dienen einige Elemente grüner Infrastruktur, wie z.B. Parks, Auenlandschaften und Schutzflächen auch dem Hochwasserschutz. Ebenfalls binden Pflanzen und Böden als Elemente einer grünen Infrastruktur in gewissem Umfang Kohlenstoff. Durch ein Netzwerk an Grünflächen wird überdies sichergestellt, dass sich Habitate für Arten entwickeln können, die sogar eine Wanderung der Arten zwischen den Flächen zulassen. Grüne Infrastruktur kann somit auch ein Instrument der Ausgleichsregelung in stadtregionalen Gebieten sein, um Ziele des Naturschutzes und der Erhöhung der Biodiversität zu erfüllen.

Wirkungsbereiche grüner Infrastruktur
Übersicht über Wirkungsbereiche grüner Infrastruktur. | Grafik: ILS-Darstellung in Anlehnung an Scholz 2014.

Urbanes Grün in der integrierten Stadtentwicklung

Grüne Infrastruktur gewinnt als Thema der Stadt- und Regionalentwicklung an Bedeutung. Dies lässt sich durch ein sich intensivierendes Forschungsinteresse belegen. Neben Arbeiten zur Grundlagenforschung sind vor allem auch angewandte Themenfelder aktuell höchst relevant. Um wissenschaftliche Erkenntnisse und Praxiserfahrungen vergleichend untersuchen und systematisch zukünftige Handlungsoptionen erarbeiten zu können, wählten das ILS und die Universität Hannover fallstudienspezifische Zugänge zu Projekten grüner Infrastruktur auf nationaler und regionaler Ebene.  Zu diesem Zweck wurden in einem mehrschichtigen Forschungsdesign vorhandene Planungsdokumente analysiert, Experteninterviews durchgeführt und empirische Untersuchungen in sieben Kommunen in NRW vorgenommen.

Vermittlung des ökonomischen Wertes grüner Infrastruktur

Um den Stellenwert grüner Infrastruktur in der Stadtplanung gegenüber anderen Fachplanungen zu verdeutlichen, liegt in der Bewertung der ökonomischen Nutzeneffekte für die Gesellschaft, die sich aus den verschiedenen Wirkungen von urbanem Grün ergeben, ein wichtiger Forschungsstrang. Dieser Aufgabe widmete sich das ILS bereits in mehreren (internationalen) Forschungsprojekten. Um die Möglichkeiten existierender Bewertungsansätze zu erproben und um sie auf Elemente grüner Infrastruktur anzuwenden, beteiligte sich das ILS an dem Projekt VALUE. Wesentliche Aufgabe des ILS war es, ökonomische Bewertungen von einzelnen Elementen grüner Infrastruktur vorzunehmen. Die genutzten Ansätze, wie zum Beispiel hedonische Hauspreisanalysen, Multiplikatorberechnungen und Zahlungsbereitschaftsanalysen sollten die Wirkungen auf der lokalen Projektebene ebenso erfassen wie auf der übergeordneten stadtregionalen Ebene.
Auf der lokalen Ebene wurden für verschiedene Projekte (z.B. für einen renaturierten Fuß- und Radweg entlang des Neckars in Esslingen) befragungsbasierte Erhebungsmethoden eingesetzt. Hier befragten geschulte Hilfskräfte vor Ort Nutzer/-innen des Radweges über ihre Zahlungsbereitschaft für solche Investitionen. Ziel der befragungsbasierten Ansätze war es, auf Basis von hypothetischen Szenarien Wertschätzungen von Nutzenden abzufragen, ohne damit eine tatsächliche Nutzerfinanzierung anzustreben. Knapp 1.000 individuelle Fragebögen konnten erfasst und ausgewertet werden (VALUE 2012). Ebenfalls erfasst wurden Präferenzen für zukünftige Projekte, wobei sich eine eindeutige Tendenz zur Befürwortung weiterer Investitionen in grüne Infrastruktur feststellen ließ.

urbanes Grün
Wie lange können wir es uns noch leisten, die Ökosystemleistungen von Grün ökonomisch zu umschiffen? | Foto: E. Bauer

Regionaler Nutzen

In Erweiterung dieser projektbezogenen Betrachtung wurde auch der Nutzen grüner Infrastruktur für die regionale Ebene erhoben. Hierzu wurde ein eigener Ansatz entwickelt, der das Konzept der grünen Infrastruktur in die Messung urbaner Lebensqualität integriert. Vergleichend für 142 europäische Städte wurde gemessen, ob eine hohe Durchgrünung von Städten eine messbare Wirkung auf die stadtregionalen Wohnungsmärkte und die lokale Preisbildung ausübt. In einem GIS-basierten Datensatz wurde hierzu der Anteil der fußläufig erreichbaren städtisch geprägten Flächen in den Städten berechnet. In einem Regressionsansatz wurde diese Information zusammen mit weiteren exogenen Einflussfaktoren genutzt, um den durchschnittlichen Wohnungspreis zu erklären. Es konnte gezeigt werden, dass die fußläufige Erreichbarkeit von Elementen der grünen Infrastruktur für die urbane Lebensqualität einen bedeutenden (positiv signifikanten) Faktor darstellt und sich auch in höheren Miet- und Immobilienpreisen niederschlägt.
Die Kernergebnisse des Projektes VALUE lassen sich wie folgt zusammenfassen: Grüne Infrastruktur erzeugt nicht nur lokalen, sondern auch stadtregionalen Nutzen, wobei dieser Mehrwert mit geeigneten Methoden in vielen Fällen auch mess- und erfassbar ist und somit in städtische Entscheidungsprozesse eingebracht werden kann. In diesem Zusammenhang lässt sich ein sehr positives Kosten-Nutzen-Verhältnis für grüne Infrastrukturprojekte nachweisen. Dies führt zu dem Schluss, dass im planerischen Umgang mit grüner Infrastruktur der ökonomischen Bewertung eine festgeschriebene Funktion zukommen sollte.

Den vollständigen Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe der bi-GaLaBau. Hier können Sie die bi-galabau bestellen.