Neues Maschinenkonzept:

Freie Sicht in engen Gassen

MÜNCHEN/KIEL, 04.04.2016 - Ein neuer Mobilbagger, der deutlich mehr Hubkraft auch über die Seite bietet, wendig und steigfähig ist und dem Fahrer eine uneingeschränkte Rundumsicht aus der Kabine ermöglicht – geht das? JCB stellt einen völlig neuen Mobilbaggertyp vor, der alle diese Vorteile in sich vereinen soll.

von Hendrik Stellmach

JCB Hydradig 110W
Der Mobilbagger, der auch Teleskoplader sein kann: Dank seines tiefen Schwerpunkts kann der Hydradig-Bagger auch schwere Lasten weit heben. | Foto: JCB

JCB hat Mitte März in England das erste Modell seines neuen Mobilbagger-Typs vorgestellt, der alle diese Eigenschaften in sich vereinen soll: Der „Hydradig 110W“ ist ein Zehntonnen-Mobilbagger, der durch seinen besonders schlanken, asymmetrischen Oberwagen auffällt. JCB hat dafür alles aus dem Oberwagen entfernt, was nicht unbedingt dort verbaut sein muss: Vor allem Motor, Getriebe und Hydraulikpumpe wurden in den Unterwagen verlagert. Der Schwerpunkt des Baggers ist dadurch erheblich – etwa einen Dreiviertelmeter – nach unten gewandert und verleiht dem Hydradig eine wesentlich erhöhte Hubkraft und Standsicherheit. Nach Angaben von JCB kann der 110W auch noch am voll ausgestreckten Gelenkausleger eine Tonne heben, und zwar – dank der günstigen Gewichtsverteilung von 50:50 zwischen Vorder- und Hinterachse – in alle Richtungen um den Bagger herum. Wohlgemerkt, ohne Pratzen und sonstige Abstützungen, sondern ganz klassisch auf Zwillingsbereifung.
Weil JCB den Oberwagen so radikal verschlankt hat, dass außer der Kabine selbst praktisch nichts mehr den Blick des Baggerfahrers auf die Straße stört, kann der Fahrer nun alle vier Räder seiner Arbeitsmaschine sehen und dadurch beispielsweise viel näher an Hindernisse heranfahren. Außerdem sind weder zusätzliche Handläufe, noch Spiegel oder eine Rückfahrkamera notwendig, so dass die Sicht für den Fahrer sich weiter verbessert. Und wer glaubt, der Bagger müsse durch den derart gewachsenen Unterwagen zwangsläufig höher ausfallen, dem hält JCB eine Gesamthöhe von unter drei Metern entgegen; 150 Millimeter weniger als die niedrigste Wettbewerbsmaschine, wie die Briten betonen. Zwar hat JCB den Hydradig auf dem Reißbrett völlig neu konzipiert. Der Hersteller kann aber auf bewährte JCB-Komponenten und Technologien – einschließlich des Ecomax-Motors – sowie Achsen, Hydraulikzylinder, Kabine und alle großen Fertigungsteile zurückgreifen.

Stabil wie ein Teleskoplader

Doch das ist noch nicht alles: Der Bagger verfügt über einen stufenlosen hydrostatischen Antrieb, der kraftvoll auf die Höchstgeschwindigkeit von 20 bzw. in der Schnellläufervariante 40 km/h beschleunigt und sich auch von Steigungen nicht beeindrucken lässt. Die Pendelachsen stammen von den Loadall-Teleskopen. Auf dem Chassis, das auf dem Loadall-Teleskoplader beruht, hat JCB drei Lenkvarianten realisiert: Zweirad-, Vierrad- und Hundegang. Dadurch ist der Bagger ungemein wendig und erreicht einen sagenhaften Wendekreis von nur 3,90 Metern auf Einzelbereifung. Mit Planierschild sind es 4,50 Meter. Es gibt auch eine optionale Rückwärts-Steuerfunktion, die die Richtung der gelenkten Räder umstellt, wenn das Lenkrad um 180 Grad gedreht wird. So kann der Bagger beispielsweise aus einer engen Gasse ganz einfach vorwärts wieder herausfahren. Diese Wendigkeit gilt auch für den Oberwagen. Er hat mit 120 Millimetern laut JCB den kürzesten Heckschwenkradius in seiner Klasse. Der Hydradig 110W bewegt sich mit seinen zehn Tonnen am unteren Ende des in Deutschlands üblichen Einsatzgewichts. Wegen seiner höheren Hubkräfte ist dies aber nicht unbedingt ein Manko. JCB wird mit dem Hydradig auch einen maßgeschneiderten Anhänger anbieten, mit der Fahrer eine Anzahl von Anbaugeräten und Löffeln sowie Materialien für eine Vielzahl von Aufgaben auf der Baustelle transportieren kann.

JCB Hydradig 110W
Die Verschmelzung von Teleskoplader und Mobilbagger in einer Maschine: Womit Mecalac beim bauma-Innovationspreis überzeugen will, hat JCB nun zur Marktreife gebracht. | Foto: JCB

Viel Platz und freie Sicht

JCB hat den Hydradig mit der aus dem Radlader 457 bekannten „Command Plus“-Kabine ausgestattet. Sie ermöglicht durch die Rundumverglasung erst die hervorragende Sicht auf die nun nicht mehr vom Oberwagen verstellten Bereiche um die Maschine. Alle Schalter und Zusatzsteuerungen sind übersichtlich an der rechten A-Säule angeordnet, in der Mittelkonsole und oben an der rechten A-Säule jeweils über einen farbigen LCD-Bildschirm, der Zugriff auf die Bedienermenüs sowie auf das Live-Bild der Rückfahrkamera bietet. Doch der Fahrer profitiert nicht nur von der größeren Übersicht. Er hat auch Vorteile bei der Wartung, die nun fast ausschließlich in normaler Stehhöhe vom Boden aus erfolgen kann. Damit erfüllt der Bagger eine weitere heute oft erhobene Forderung der Anwender.

Trendsetter

Der Antrieb im Unterwagen, die Anleihen beim Teleskoplader – kommt uns das nicht bekannt vor? Und ob! Mecalac hat genau dieses Grundprinzip in seiner Designstudie MWR umgesetzt und damit eine Nominierung für den diesjährigen bauma-Innovationspreis ergattert. Möglicherweise begründen die beiden Hersteller damit einen Trend, der das Ende des Mobilbaggers, wie wir ihn kennen, einläutet. Es bleibt abzuwarten, ob das schlanke Oberwagendesign auch in weiteren – möglicherweise folgenden – größeren Modellen umgesetzt werden kann. Ob JCB sich auf dem deutschen Markt mit dem Namen „Hydradig“, das übrigens für nichts anderes als „hydraulic digger“ steht, einen Gefallen tut, wird ebenfalls abzuwarten sein. Die Kunden dürften sich mit dem schlichten Kürzel 110W leichter tun. Aber vielleicht verschwindet der „Projektname“ ja noch vom Oberwagen, wenn der Bagger erst mal bei den deutschen Händlern steht.

Mecalac Designstudie MWR

Mecalacs Designstudie MWR weist mit tiefem Schwerpunkt und reduziertem Oberwagen verblüffende Parallelen zum neuen JCB-Bagger auf. | Bild: Mecalac


JCB auf der bauma: Freigelände Mitte, Stand 713/1