Unverdichtbares Substrat: Abhilfe für die Bäume

LOTTE/WERSEN, 11.04.2016 – Immer häufiger werden Pflanzgruben für Bäume sprichwörtlich „zu Tode verdichtet“. Ein neues Material soll nun Abhilfe schaffen und einen Paradigmenwechsel in der städtischen Baumpflanzung hervorrufen. Dabei ergeben sich nicht nur für die Bäume viele Vorteile.

Von Klaus Schröder, Lotte/Wersen

eine Baugrube mit unverdichtbarem Material wird verdichtet
Das „unverdichtbare“ Baumsubstrat aus Groblava und Feinboden wird lagenweise eingebaut und mit der Rüttelplatte verdichtet. | Fotos: K. Schröder

Das Regelwerk der FLL (Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau) Empfehlungen für Baumpflanzungen Teil 2: Standortvorbereitungen für Neupflanzungen; Pflanzgruben und Wurzelraumerweiterung, Bauweisen und Substrate sieht in der Ausgabe von 2010 zwei Bauweisen für Pflanzgruben vor. Dies sind die Pflanzgrubenbauweise 1 für offene, nicht überbaute Pflanzgruben sowie die Pflanzgrubenbauweise 2 für überbaubare Pflanzgruben. Zu etlichen der Bearbeiter dieser wichtigen Empfehlungen stehe ich in persönlichem Kontakt. Nicht zuletzt auch deshalb weiß ich, wie kontrovers das Thema diskutiert wird. Meine im folgenden Beitrag dargestellte Meinung möchte ich als Diskussionsbeitrag verstanden wissen. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird es in naher Zukunft sowieso eine Überarbeitung der „Baumpflanzungen Teil 2“ geben. Die Zeit bis dahin sollten wir dazu nutzen, die Vor- und ggf. auch die Nachteile einer alternativen Bauweise, wie sie vielfach ja bereits umgesetzt wird, zu erörtern, auch, um den Anschluss nicht zu verpassen.

Nicht überverdichtbares Material

Wenn im Folgenden von der Bauweise 3 gesprochen und der Begriff „unverdichtbar“ verwendet wird, ist dieser natürlich im Grunde genommen nicht ganz korrekt. Eigentlich müsste es in Anlehnung an die Bodenmechanik „nicht überverdichtbar“ heißen. Denn auch bei dem Material, das als „unverdichtbar“ bezeichnet wird, findet eine Verdichtung statt. Aber eben nur, um ein stabiles, vernünftiges Stützkorngerüst zu erzielen. Später kann man mit dem schwersten Verdichtungsgerät darüber fahren und bekommt es nicht weiter zusammengedrückt, vorausgesetzt, dass das grobe Korn der Last widersteht.
Fachleute berichten von dem Material nach Bauweise 2 („überbaubar“), wie es manchmal vor Ort sprichwörtlich „zu Tode verdichtet“ wird, wodurch insbesondere der für das Leben der Pflanzenwurzeln essenzielle Anteil des Porenvolumens vernichtet wird. Ein Freund und Fachmann (Tiefbauer) spricht in diesem Zusammenhang gern von der Rüttelplatte, die „springt“ und davon, dass die Baumwurzeln sich zwangsläufig, wegen Luftmangels in tieferen Bodenschichten, eher oberflächennah entwickeln. Ein starkes Verdichten ist aus Sicht eines Unternehmers, (oft sind es Tiefbauunternehmen, die das Substrat einbauen) durchaus nachvollziehbar, da dieser für die Qualität seines Bauwerks in Regress genommen werden kann. Wer will es dem Verdichter verdenken, wenn er denkt: „Meine Fläche sackt innerhalb der Fristen, nach BGB und DIN/VOB, nicht über das zulässige Maß hinaus ab!“ ... und sie daher verdichtet, „bis die Rüttelplatte springt“.

das unverdichtbare Baumsubstrat
Das unverdichbare Baumsubstrat aus Groblava und Feinboden

Groblava-Feinboden-Gemisch

Mit der alternativen Bauweise hat es bereits vor vielen Jahren in den Niederlanden angefangen. Dort hatte man z.B. in der Gemeinde Huizen auch die befahrene Spur auf einem Parkplatz sowie die eigentlichen, auch befahrenen Platzflächen, mit einem „Groblava-Feinboden-Gemisch“ als Unterbau hergestellt und die Vegetationsflächen, die denselben Unterbau aufwiesen, mit bodenbedeckenden Gehölzen und mit Platanen bepflanzt. Das war zu dem Zeitpunkt, als wir uns das im Kollegenkreis ansehen konnten, bereits einige Jahre her und die Pflanzen hatten sich an ihren ungewöhnlichen Standorten bestens entwickelt. Hier war sie also, die Materialvariante, die sich nicht höher verdichten lässt, als sie nach dem ersten „Andrücken“ liegt.

Große Domsfreiheit in Osnabrück

Zu Anfang der 1990er Jahre haben wir das „Niederländische Modell“ kopiert und auf einen neu gestalteten Platz, die Große Domsfreiheit in Osnabrück, übertragen. Ein ca. 3 m breiter mäandrierender Graben wurde mit dem Groblava-Feinboden-Gemisch, über Schüttkegel gemischt, unter Baustellenbedingungen mittels Radlader und nachfolgender Verdichtung per Rüttelwalze, verfüllt. Die Groblava besitzt eine Körnung von 100/150 mm und der Feinbodenanteil entspricht demjenigen des standardisierten, sandigen Untersubstrates.
Der so ausgestattete, überdimensionale Wurzelraum verbindet die 72 Standorte der in einer Stärke von 40/45 cm gepflanzten Tilia x intermedia `Pallida`. Die Pflanzgruben hatten eine Tiefe von 1,50 m, mit Anschluss an den aufgelockerten Untergrund, der hier in der Hauptsache aus Sanden besteht. Nach etwa zwei Vegetationsperioden wurde einer der 72 Bäume, die ohne Probleme anwuchsen und sich oberirdisch prächtig entwickelten, durch einen Autounfall so stark geschädigt, dass er ausgewechselt werden musste. Wir hatten die Gelegenheit, im Zuge dieses Austausches nach den Wurzeln des Baumes zu suchen, auf deren Zustand wir bis dahin allein nach dem fabelhaften Erscheinungsbild der Kronen rückschließen konnten. Wir fanden sie etwa 1 m von der ehemaligen Pflanzgruben-Außenkante entfernt, unter der Promenade (Weg zwischen den Baumreihen), im Groblava-Feinboden-Gemisch.

Blick auf den Wurzelraum in Osnabrück
Blick auf den mäandrierenden Wurzelraum
auf der „Großen Domsfreiheit“, während
der Baumaßnahme.

Wurzelausbreitung in tieferen Bodenschichten

Bis heute funktioniert diese Bauweise, ohne dass es zu Absackungen, bis auf den geöffneten Bereich an dem ausgetauschten Baum, gekommen wäre. Die hier erprobte Bauweise stellt bis heute sicher, dass es nicht zu Aufwerfungen gekommen ist. Bis heute funktioniert auch die Entwässerung über die Fläche in der Promenade. Dort ist keine Regenwasserableitung vorhanden! Diese Tatsachen wurden erst vor wenigen Jahren durch einen unabhängigen Kollegen bestätigt.
Auch die Teilnehmer der Osnabrücker Baumpflegetage, welche die Große Domsfreiheit besuchten, konnten diesen Sachverhalt jahrelang verfolgen. Eine Folge dieser Praxis ist unter anderem - man kann es nicht oft genug wiederholen - dass sich die Baumwurzeln wegen guten Gasaustausches in tieferen Bodenschichten, nicht oberflächennah entwickeln. Für die hier wiedergegebene Bauweise, aber auch für klassisch hergestellte Baumstandorte gilt jedoch, dass mangelnde Pflege und vor allem, der sorglose Umgang mit Streusalz, jede Mühe bei der Planung und jede Sorgfalt bei der Herrichtung von Baumstandorten zunichte macht. Aber das ist ein anderes Thema.

Baumsubstrate aus Schweden und Holland

In der schwedischen Hauptstadt Stockholm nimmt man Gestein, das dort ansteht, ebenfalls in der Körnung 100/150 mm, füllt die Zwischenräume mit sandigem Feinboden und schlämmt ihn ein. Das Substrat wird zudem mit einer Starterdüngung versehen und kann nach den sonstigen Bedürfnissen der am Ort verwendeten Baumarten (pH-Wert des Bodens, Mykorrhiza) eingestellt werden. Dieses Verfahren, bei dem im Übrigen auch Dachflächenwasser in die Wurzelräume der Bäume geleitet wird, erinnert sehr stark an die propagierte, teilweise Rückhaltung von Regenwasser in der Straße bei Starkregenereignissen. Denselben Effekt scheint auch das Substrat der niederländischen Firma BSI-Baumservice mit einem Hohlraumanteil von etwa 30% zu haben. Dieses Material basiert auf Grauwacke in etwa gleicher Körnung wie das von Liesecke und Heidger erdachte und verwendete Material für die Flächen- und Grabenbelüftung, nach dem zu Anfang genannten FLL-Regelwerk. Es ist mit Tonmineralien wie Bentonit, und einem Wasser aufnehmenden Kunststoff (Stockosorb) überzogen. Seit vielen Jahren angewandt, verspricht es alle Voraussetzungen zu erfüllen, die man von einem „unverdichtbaren“ Substrat erwartet und es soll testweise in einem städtischen Versuch verwendet werden. Dieses relativ schwere Substrat wird allerdings die Baumwurzeln auch zu einer ungleichmäßigen Ausformung veranlassen. Jedoch es soll, so die Hersteller, auch nach vielen Jahren die Baumwurzeln dort halten, wohin sie gehören: Im Untergrund und nicht an der Oberfläche oder gar darüber.

Einschlemmen von Bims-Xylit-Feinboden in das Lavagestein
Beispiel Nordhorn: Der Bims-Xylit-Feinboden wird in die Groblava eingeschlämmt.

Beispiel Nordhorn

Bei der Sanierung eines Standortes von mehreren geschützten Eichen in Nordhorn wurde zunächst eine Kroneneinkürzung vorgenommen, um die im Rahmen einer vorangegangenen Tiefbaumaßnahme erfolgten Wurzelverluste wenigstens annähernd auszugleichen. Danach wurden die Wurzeln mit einem Saugbagger aufwändig und wurzelschonend freigelegt und feucht gehalten. Die zukünftige Versorgung des Wurzelraumes mit Luft und Wasser wurde durch den Einbau eines besonders druckstabilen Dränrohres sichergestellt. Anschließend erfolgte das Andecken mit einem Gemisch aus Groblava und einem eingearbeiteten Boden aus zwei Komponenten. Beides kam aus der Eifel. Die verwendete Lava besitzt eine Körnung von etwa 80 mm und sorgt neben ihrer Stabilität gebenden Eigenschaft auch dafür, dass sich die eingetragene Bodenluft weiträumig im Wurzelraum verteilen kann.

Bims und Xylit

Der Feinboden ist eine Mischung von ca. 80% gebrochenem Bims in der Körnung 2 bis 5 mm sowie etwa 20% Xylit in gleicher Körnung. Beim Xylit handelt es sich um inkohlte Holzkohle, ein in der Braunkohlewerdungsphase stehen gebliebenes Urzeitholz. Es hat ähnliche bodenphysikalische Eigenschaften wie Perlhumus und dient als Langzeitdünger. Die Groblava wurde in mehreren Lagen von etwa 30 cm Stärke bis in eine Tiefe von etwa 1,5 m unter der fertigen Fahrbahnhöhe eingebaut, verdichtet und der Feinboden eingeschlämmt. (vgl. Bericht in der bi GaLaBau 1+2-2014 „Wurzelverluste vermeiden“).

Beispiel Dülmen

In der Stadt Dülmen im Münsterland wurden vor zwei Vegetationsperioden etliche Ulmen im Straßenraum neu gepflanzt. Die Anpflanzung erfolgte über einer bestehenden Abwasserleitung, die zum Schutz vor Beschädigungen durch Baumwurzeln mit porenarmem Fertiggemisch (Dernoton-Fertigmischung S) geschützt wurde. Ein Vorgehen, das der Grundregel folgt, dass Wurzeln Bodenbereiche meiden, die ihren Bedürfnissen entgegenstehen und Bodenbereiche bevorzugen, die ihren Bedürfnissen gerecht werden. Einer dieser Standorte wurde im Sommer des vorigen Jahres kontrollweise geöffnet und dabei das Auswurzelungsverhalten des betroffenen Baumes untersucht, auch unter der benachbarten Fahrbahn. Feinwurzeln waren vorhanden, wir fanden sie dicht an dicht. Einzelne noch dünn und unscheinbar, aber immerhin. Der vor Ort tätige Sachverständige hat wohl Recht, wenn er meint: „Man muss den Bäumen auch die Zeit geben, die sie zum Anwachsen brauchen“. Und was sind in den Zeiträumen eines Baumlebens schon zwei Vegetationsperioden? Wenn die Wurzeln der Ulmen dicker werden, wird man auch die „Verzahnung“ mit den umgebenden Steinen erkennen können. Ein sehr bekannter Baumfreund sagte mir in einem Telefonat hierzu: „Je verzahnter mit den Steinen, desto standsicherer sind die Bäume“.

Auswurzelungsverhalten einer Ulme
Das Auswurzelungsverhalten einer Ulme nach zwei Vegetationsperioden. | Foto: M. Wilde

Fazit

Wenn man nur die hier genannten Beispiele sieht, müsste man doch zu dem Ergebnis kommen, dass für die Aufnahme der alternativen Bauweise für Pflanzgruben in ein deutsches Regelwerk die Zeit reif ist. Lassen Sie uns diese branchenweiten Bemühungen für optimale Baumstandorte, die nicht verdichtbar sind, zusammentragen und darüber beraten. Sie zu ignorieren wird weder unsere Position stärken noch dem eigentlichen Grund dieser Anstrengungen gerecht: die Lebensbedingungen unserer Bäume zu verbessern, so dass uns ihre wunderbaren Leistungen bestmöglich zu Gute kommen.