Lebendige Gärten durch Stauden

AFFOLTERBACH, 09.05.2016 – Viele Gärten können durch Staudenpflanzungen bereichert werden, allerdings gibt es dabei einiges zu beachten. Sowohl bei der Planung und der Pflanzung, als auch bei der Pflege ist ein gewisses Grundwissen unumgänglich. Vor allem bei der Düngung ist besondere Vorsicht geboten.

Von Till Hoffmann, Affolterbach

Beispiel einer pflegearmen Wildstaudenfläche
Pflegearme Wildstaudenfläche: Es braucht zu allererst Klarheit über die gestalterische Aussage zur Pflanzung.

Gemeinsam mit passenden Gehölzen stellen Stauden den entscheidenden Unterschied her, zu einer bloßen ins Freie verlegten Wohnraumerweiterung. Die Bepflanzung bringt’s, daher sollten besonders Landschaftsbaubetriebe mit Kunden im einträglichen Premiumsegment auch bei der Pflanzenverwendung gut sein. Knowhow ist reichlich verfügbar, vermutlich war es nie einfacher sich in die Pflanzenverwendung einzuarbeiten. Staudengärtnereien und Baumschulen sind kompetente Partner bei der Umsetzung. Wer nicht selber planen mag oder sich das nicht zutraut, kann auf die Vielzahl getesteter und bewährter Staudenmischungen zurückgreifen. An der richtigen Stelle eingesetzt funktionieren diese tatsächlich sehr gut. Über den längerfristigen Erfolg jeder Pflanzung aber entscheidet die Pflege!

Wie geht es also nach der Pflanzung weiter?

Manch ein Kunde wird sich allein gelassen fühlen mit seinem neu bepflanzten Garten und sich sorgen, wie die ihm unbekannte Vielfalt wohl zu pflegen sei. Mögen Neuanlagen im Vergleich zum Service als lukrativer gelten, so steckt doch gerade in kompetenter und zuverlässiger Betreuung von Pflanzungen ein großes Potenzial für regelmäßige Umsätze und Kundenbindung, gerade im Premiumsegment. Es sollte nicht sein, dass hochwertige Pflanzungen, trotz guten Willens am Unvermögen scheitern, diese in Stand zu halten. Nicht zuletzt lässt sich bei Auswahl und dem Umgang mit Pflanzen der gute Ruf als Gärtner gewinnen – gegebenenfalls aber auch verlieren.

Sind wir Gärtner gut gerüstet?

Nun fehlt vielen von uns Gärtnern leider selber die nötige Ausbildung in punkto Entwicklungs- und Unterhaltspflege von anspruchsvollen Dauer-Staudenpflanzungen. Kein Wunder, gibt es doch bislang keinen Ausbildungsschwerpunkt, der dieses vielschichtige Thema hinreichend abdeckt. Gartenpflege wird nach wie vor eher mit einfachen Tätigkeiten assoziiert. Rasenmähen, Laub zusammenkehren, Hecken schön gerade schneiden, das Aushacken von Unkraut (soweit es erkannt wird), kurzum, alles hübsch sauber putzen. Nichts gegen diese Arbeiten, sie sind wichtig, aber ist diese Ausprägung der Gartenkunst wirklich geeignet, um sich als besonders kompetenter Fachbetrieb zu profilieren? Und bei intelligenten Kunden andere Reaktionen zu provozieren als die Frage: „Macht das nicht irgendjemand billiger?“ Eine differenzierte Begleitung der Vegetation übers Jahr, mit regelmäßigen, wohldosierten Eingriffen ist noch immer nicht die Regel – und das muss sich ändern, denn genau das braucht es! Viel zu lange orientierte sich Staudenpflege am Anbau von Gemüse und Zierpflanzen. Die üblichen Techniken des Produktionsgartenbaus passen aber nicht für Stauden-Dauerflächen. Dem Kunden sollte mehr geboten werden als „saubermachen“.

Was heißt eigentlich pflegeleicht?

Gerne wird von modernen, „pflegeleichten“ Pflanzkonzepten gesprochen. Staudenpflanzungen können in der Tat „pflegeleicht“ sein, sie können sogar „pflegearm“ sein, aber sie können niemals beides zugleich sein und dabei auch noch interessant! Leider werden die Begriffe regelmäßig unzulässig vermischt. Der Beplanzungstyp etwa hat große Konsequenzen: Großflächige Monoflächen einer Art sind sicherlich pflegeleicht (leicht zu erklären: alle anderen Pflanzen müssen raus und die Ränder ordentlich sein), vorübergehend (durch sorgfältige Pflanzenauswahl) können Monopflanzungen eventuell sogar pflegearm sein, aber langfristig funktionieren sie fast nie und interessant sind sie ebenfalls selten. Guter Ausführung und kompetenter Begleitung unterstellt sind getestete Mischpflanzungskonzepte tatsächlich pflegearm, dank ihrer Vielfalt auch interessant, aber keineswegs automatisch „pflegeleicht“. Denn jemand mit Hirn im Kopf muss regelmäßig genauer hinsehen, ob die Entwicklung des Bestandes weiterhin in Ordnung ist und vor allem ist das Unkraut viel schwerer erkennbar.

ansehnliches Hochstaudenbeet
Hochstaudenbeet: Für jede Pflanung ist ein
maßgeschneideter Pflegeplan zu erstellen,
der das Pflegeziel und einen Maßnahmen-
katalog enthält.

Fertigstellungs-, Entwicklungs- und Unterhaltspflege

Die Fertigstellungspflege innerhalb der ersten Vegetationsperiode gelingt meist und muss kaum diskutiert werden. Die darauf folgenden Schritte, nämlich Entwicklungs- und Unterhaltspflege über die kommenden Jahre und darüber hinaus unterscheiden sich aber völlig und jetzt wird es erst interessant! Denn nun ergeben sich Spielräume über die Interpretation der bisherigen Entwicklung und es stehen zunehmend Entscheidungen an, welche die Weiterentwicklung so oder so beeinflussen werden. Wie ist die Zu- oder Abnahme einzelner Arten zu beurteilen? Gibt es Ansätze von gefährlicher Verunkrautung? Lässt man der Natur ihren Gang oder soll der Ursprungszustand, so gut es eben geht, wieder hergestellt werden? Meist liegt der Weg irgendwo dazwischen, aber wo?  Welche Maßnahmen stehen an?

Den Überblick gewinnen

Oft müht sich der gärtnernde Mensch tatsächlichen oder vermeintlichen Bedürfnissen von Einzelpflanzen gerecht zu werden. Nachwässern hie und da, individuelle Schnittmaßnamen und hilft das nicht, wird das umgekippte Grünzeug kunstvoll und zeitaufwändig an speziell konstruierte Halterungen gefesselt. Aufbinden ist tatsächlich eine Kunst, die allerdings nur überzeugt, wenn man sie nicht bemerkt. Vor lauter Liebe zum Detail gerät leicht der Gesamtzusammenhang aus dem Blick. Der Fokus gehört aber gerade von der Einzelpflanze weg auf den Gesamtbestand gerichtet, denn die komplette Pflanzengemeinschaft als solche braucht Beachtung. Pflegekompetenz bedeutet vor allem genau dieses beurteilen zu lernen. Sehr hilfreich hierfür ist ein direkter Draht mit dem Planer.

Vorsicht mit dem Düngersack

Das Düngen ist bei Stauden sehr häufig überflüssig, schließlich soll, anders als im Gemüsebeet, kein Massenertrag an Grünmasse erzielt werden, der dann mit zusätzlichem Aufwand gebändigt werden muss. Bei Wildstaudenpflanzungen ist es besonders kontraproduktiv durch Nährstoffgaben „Öl ins Feuer“ zu gießen und nachher ständig dem erzeugten Aufwuchs Herr zu werden. Je mehr Nährstoffe verfügbar sind, desto mehr müssen die Konkurrenzbeziehungen austariert werden. Das gilt etwa für Beetstaudenpflanzungen auf fettem, ausreichend feuchtem Boden. In erster Linie dient das der optischen Wirkung, hilft jedoch auch Ausfälle und Artenverarmung zu verhindern. Erfahrene Gärtner wissen, dass nach ein paar Jahren keineswegs alle der ursprünglich gepflanzten Arten und Individuen noch an ihren Platz sein können. Langsamentwickler wie Waldgeißbart (Aruncus dioicus) erfüllen vielleicht erst ab dem dritten Standjahr ihre gestalterische Funktion, wohingegen Schnellentwickler wie die dauerblühende Duftnessel (Agastache in Sorten) ihre Lebensspanne bereits hinter sich haben und verschwinden dürfen. Staudenpflege bedingt daher neben möglichst guten Pflanzenkenntnissen eine feine Beobachtung der tatsächlichen Verhältnisse und einen Plan, wohin die Reise gehen soll, nach dem Motto: Wie soll das hier in drei oder fünf Jahren eigentlich aussehen?

Pflegepläne als roter Faden

Pflanzungen sind sehr verschieden, thematisch, standörtlich, ganz abgesehen von der Pflanzenauswahl. Daher gehört für jede Pflanzung ein maßgeschneiderter individueller Pflegeplan aufgestellt. Aus diesem lassen sich dann konkrete Maßnahmen, deren Zeitpunkte und die notwendigen zeitlichen Intervalle entwickeln. Das mag theoretisch klingen, ist jedoch in der Praxis nicht so kompliziert, wie es sich anhört. Pflegepläne verstehen sich als eine Art roter Faden, ob dieser schriftlich oder tabellarisch ausgearbeitet oder, bei einfacheren Vorhaben, lediglich im Kopf des Verantwortlichen vorliegt, ist von den Betroffenen selbst zu beurteilen. Es bietet sich an, die für die spätere Abrechnung ohnehin hilfreichen Zeitaufschriebe entsprechend zu nutzen. Ein Plan ist ein Plan und kein Dogma, er dient als Erinnerungsstütze und sollte ständig entsprechend der Realität nachjustiert werden, um besser zu werden. Hierfür ist es äußerst hilfreich, wenn stets dieselbe Person verantwortlich pflegt! Nur so kann die Unterhaltspflege perfekt auf die Situation angepasst und entsprechend rationalisiert werden. Gelingt dies, so nimmt der Minutenaufwand pro Quadratmeter im selben Umfang ab, wie die Motivation des Pflegegärtners steigt. Denn die längerfristige Begleitung einer gut funktionierenden Staudenpflanzung macht mit dem dann erstaunlich geringen Arbeitsaufwand einfach Spaß! Ein Pflegeplan berücksichtigt folgende Faktoren:
1. Bepflanzungstyp/Verteilungsmuster der Pflanzen auf der Fläche (grob: Einartbestände, Block-, Mosaik-, Geselligkeitsstufen-, Mischpflanzungen jeweils mit Zwischenformen, s.o.)
2. Lebensbereich (grob: sonnig-schattig, trocken-feucht, liegen reale Stressfaktoren vor?)
3. Entwicklungsstand (Neupflanzung, bereits etablierte Pflanzung oder alte evtl. vergreisende Pflanzung? Hier stellt sich die Frage: Ist eine Teilsanierung ratsam?)
Nun ergeben sich folgende Fragestellungen für die Grundausrichtung der praktischen Pflege:
Ist diese Fläche überhaupt wirtschaftlich pflegbar, oder ist für den Kunden eine Neuanlage (oder Teilsanierung) effektiver?
Soll statisch (konservativ erhaltend) oder dynamisch (Veränderungen in gewissen Rahmen zulassend) gepflegt werden?
Soll pauschal (z.B. mit Mähgeräten) oder selektiv (spezielle Maßnahmen an Einzelpflanzen) gepflegt werden?

Flächige Mulchmahd kann notwendig sein
Flächige Mulchmahd: Es werden nicht Einzel-
pflanzen gepflegt, sondern ganze Pflanzungen.

10 praktische Tipps zur Staudenpflege (Reihenfolge beliebig)

1. Sinnvoller Einsatz von Mulchstoffen wie z.B. Schotter oder Kies
2. Konkurrenz moderieren, Gleichgewicht erhalten
3. Erstmal nicht düngen (Nachdüngung jederzeit möglich)
4. Gewissenhafte und regelmäßige Unkrautkontrolle
5. Solide Pflanzenkenntnisse sind Voraussetzung
6. Jede Pflege gestaltet, darum: Bewusst gestalten!
7. Jede Pflanzung verdient einen maßgeschneiderten Pflegeplan
8. Maschineneinsatz wo immer möglich (z.B. bei Winter- und Sommer-Rückschnitten)
9. Kosmetische Arbeiten machen den Unterschied, gesparte Zeit hier investieren
10. Den Kunden einbeziehen, denn dieser ist vor Ort, z.B. Sensibilisierung für Problemunkräuter.

Fazit

Das Ausbildungsniveau bezüglich einer effizienten Staudenpflege enthält noch viel Potenzial für die Zukunft. Aktuell sind mangelnde Pflegeressourcen und leider auch –Kompetenz (daraus resultierend oft mangelnde Motivation) regelmäßig der begrenzende Faktor für die Dauerhaftigkeit potenziell pflegearmer Staudengärten im privaten wie öffentlichem Grün. Dieser offenkundige Mangel ist zugleich Chance für Betriebe mit Qualitätsanspruch, schließlich beinhaltet er für engagierte und motivierte Kollegen ein weites Feld für sinnbringende, werterhaltende und schon deshalb wertvolle bezahlte Arbeit. Staudenpflege sollte differenziert nach Entwicklungsstadium der Pflanzung, nach Lebensbereich und natürlich nach dem Bepflanzungstyp (also dem Verteilungsmuster der Pflanzen auf der Fläche) erfolgen. Der Einsatz von Maschinen und Geräten, sowie einer fachgerechten Mulchpraxis hilft maßgeblich mit, um mit der gesparten Zeit die nötige Sorgfalt anwenden zu können. Pflegepläne können eine wirkungsvolle Hilfe darstellen.

Zum Autor

Till Hofmann ist Staudengärtnermeister und Autor. In der eigenen Staudengärtnerei bietet er zusammen mit seiner Frau ein verwendungsorientiertes Sortiment an. Er referierte über das Thema auf den 48. Veitshöchheimer Landespflegetagen