Droht den Alleen das aus?

AUGSBURG, 23.05.2016 – Das Thema Alleen und Verkehrssicherheit sorgt seit jeher für kontroverse Diskussionen, so auch auf dem Baumpflegetag 2016 in Augsburg. Welche Optionen gibt es und welche Szenarien sind am wahrscheinlichsten? Ist ein Kompromiss möglich?

Vertreter unterschiedlicher Fachbereiche auf dem deutschen Baumpflegetagen 2016
Vertreter unterschiedlicher Fachbereiche und Positionen näherten sich bei der Diskussion zu Alleen und ihrer Verkehrssicherheit an, moderiert von Prof. Dr. Dirk Dujesiefken. | Foto: E. Bauer

Der erste Tag der Tagung war diesem brisanten Thema gewidmet. In halbstündigen Vorträgen vertraten fünf Referenten kontroverse Positionen: Für Dr. Detlev Lipphard vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat und Uwe Ellmers von der Bundesanstalt für Straßenwesen stand die Einhaltung der Richtlinien für den passiven Schutz an Straßen durch Fahrzeugrückhaltesysteme (RPS) an erster Stelle. Das Ziel: Fehler verzeihende Straßen durch Reduzierung von Gefahrenquellen. „Bäume am Straßenrand sind leider eine Gefahr. Im Jahr 2014 kamen mehr als ein Viertel der Verkehrstoten in Deutschland durch Baumunfälle ums Leben“, so Lipphard. Die Konsequenz: Auf die straßenbegleitenden Bäume solle verzichtet werden. Wenn neu gepflanzt werde, dann nur unter Berücksichtigung umfassender Schutzmaßnahmen. Vorhandene Bäume müssten gefällt werden, wenn sich an ihrem Standort Unfälle häuften und Schutzmaßnahmen nicht griffen.

Bäume verursachen keine Unfälle

Katharina Brückmann, Referentin für Baum- und Alleenschutz im BUND Landesverband Mecklenburg-Vorpommern und  Prof. Dr. Rüdiger Trimpop vom Institut für Psychologie in Jena kritisierten diese in ihren Augen einseitige Denkweise, die weder den Menschen als Unfallverursacher noch die Bedeutung der Alleen als Natur- und Kulturerbe berücksichtige. „Die Kettensäge und der Verzicht auf Baumpflanzungen können nicht die Lösung sein. Wir müssen bei den Autofahrern ansetzen und das Unfallrisiko durch höhere Tempolimits, verstärkte Verkehrsüberwachung, mittige Barrieren auf Landstraßen und die Reduzierung von Ablenkung im Auto mindern“, forderte Brückmann. Prof. Trimpop argumentierte aus verhaltenspsychologischer Sicht: „Bäume springen selten auf die Straße und verursachen Unfälle. Es ist ein verständlicher, aber sehr unrealistischer Wunsch, alle potenziellen Gefahren abschaffen zu wollen, statt den kompetenten Umgang mit ihnen zu trainieren“. Die RPS-Richtlinien böten in sich schon Lösungen zum Alleenschutz an. Das eigentliche Problem liege aber oftmals in einer eindimensionalen Einstellung so mancher Bürokraten, welche die Regeln wortwörtlich auslegten, ohne alternative Möglichkeiten und Ersatzlösungen auszuschöpfen.

Dass Alleenschutz und Verkehrssicherheit sich nicht ausschließen müssen, legte schließlich Dr. Peter Sanftleben, Staatssekretär im Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz Mecklenburg-Vorpommern dar. Hier werden Alleen mit Unterstützung eines Alleenfonds gepflegt und angepflanzt. Zwischen 1990 und 2014 entstanden so 550 neue Alleen-Kilometer.

Bereitschaft zur Zusammenarbeit

Im Anschluss an ihre Vorträge kamen alle Referenten sowie Oberrechtsrat Dr. Jörg-Michael Günther und der FLL-Geschäftsführer Jürgen Rohrbach bei einer Podiumsdiskussion unter Leitung von Prof. Dr. Dirk Dujesiefken, dem Veranstalter der Deutschen Baumpflegetage, an einen Tisch. Die Debatte entwickelte sich zu einem lösungsorientierten Austausch, in dem alle Beteiligten die Bereitschaft einer Zusammenarbeit signalisierten. Einig war sich die Gesprächsrunde darin, dass die Fällung von Bäumen nur die Ultima Ratio sein kann, die Verkehrssicherheit und Schutzmaßnahmen aber ebenfalls von großer Bedeutung sind. Katharina Brückmann und Jürgen Rohrbach forderten nachdrücklich eine baldige Überarbeitung der RPS unter Einbeziehung von Grünen Verbänden und Verhaltensforschern. „Vielleicht greifen die RPS bezüglich der Bäume tatsächlich etwas kurz“, räumte Uwe Ellmers ein. Man sei immer offen für Dialog, aber die Entscheidungen würden an anderer Stelle, im Arbeitskreis der Forschungsgesellschaft des Deutschen Verkehrssicherheitsrates getroffen. Aus seiner Sicht sei aber schon eine Menge in Bewegung, was sicher auch Einfluss auf die neue RPS haben werde. Dr. Lipphard ergänzte: "Auch wir begrüßen, dass der Dialog, der mehrere Jahre schlummerte, wieder aufgegriffen wird. Es wäre schön, wenn es gelänge, gemeinsam zu Lösungen zu kommen." bi