Hamm AG: Walzenproduktion im Wandel

TIRSCHENREUTH, 12.01.2015 – Wer im umkämpften Walzenmarkt erfolgreich sein will, muss flexibel bleiben und klug investieren. Wir sprachen mit Technikvorstand Dr. Stefan Klumpp über den Zwang zur Veränderung, fahrerlose Walzen und Tanken im Dschungel.

von Hendrik Stellmach

Hamm-Werksgelände in Tirschenreuth
Was hier steht, ist auch so bestellt: Hamm baut seit der Umstellung auf eine Lean-Produktion 2009 keine Maschinen mehr „auf Lager“. | Foto: bi

bi-BauMagazin: Herr Dr. Klumpp, die Walzenproduktion in Tirschenreuth hat sich seit den Technologietagen 2008 sichtbar verändert. Was ist neu und warum?
„Das Thema „Lean Production“ hat 2009 mit der Krise begonnen. Die Krise war für uns auch eine Initialzündung. 2009 war der Markt durch Lieferfähigkeit definiert. Es gab viele Bestellungen, die nicht mit echten Kundenbedarfen hinterlegt waren. Es wurde teilweise auf Lager produziert, und das hat dann dazu geführt, dass ein Marktrückgang, der an sich schon dramatisch genug war, sich durch die Zeitverzögerung infolge der relativ langen Kette zwischen Werk und Kunden in Produktionsrückgängen von über 60 Prozent niedergeschlagen hat.“

bi-BauMagazin: Wie hat Hamm darauf reagiert?
„Wir haben dann eine im Prinzip sehr einfache Entscheidung getroffen. Sie lautete: Wir bauen keine Lagermaschinen mehr. Jede Maschine, die Sie hier auf dem Hof sehen, hat im weitesten Sinne einen Kundenauftrag, entweder durch die Bestellung einer Niederlassung oder direkt durch den Endkunden.

Durch die Abgas-Gesetzgebung ist die Anzahl der Varianten nochmal dramatisch gestiegen. Das bedeutet, wir brauchen heute gezwungenermaßen eine ganz andere Logistik als noch vor fünf Jahren. Die Entwicklung dieser Logistik wird heute neudeutsch als „Lean Production“ bezeichnet. Solche Veränderungen dauern lange, aber wir haben da einen sehr erfolgreichen Weg beschritten. 2008 lag die Durchlaufzeit in der Fabrik für eine Maschine jenseits der 20 Tage. Heute liegen zwischen dem Strahlen des ersten Bleches und der Vertriebsfertig-Meldung weniger als zehn Tage. Dafür mussten wir unsere gesamten Abläufe verändern, wir mussten die Art, wie wir produzieren, verändern. Eine Fabrik, die sich nicht von Jahr zu Jahr verändert, wird vom Wettbewerb überholt.“

Hamm-Technikvorstand Dr. Stefan Klumpp
„Wir mussten die Art, wie wir produzieren, verändern.“ – Dr. Stefan Klumpp hat mit seinem Vorstandskollegen Reinhold Baisch das Hamm-Werk fit für den Aufschwung gemacht.
bi-BauMagazin: Welche Bedeutung haben der neue Maschinenprüfstand und die Dauerteststrecke für die Produktentwicklung?
„Die zusätzliche Prüfstandslinie haben wir nur wegen Tier 4 gebaut, weil diese Maschinen technisch anspruchsvoller zu prüfen sind. Auf dem neuen Prüfstand können wir auch die Tier-4-Maschinen automatisiert prüfen. Die Dauerteststrecke bietet die Möglichkeit einer systematischen Erprobung. Dort können wir 24 Stunden, sieben Tage in der Woche fahrerlos testen. Das war für uns der logische Schritt, um Neuentwicklungen, die uns der Gesetzgeber aufzwingt, sicherstellen zu können. Außerdem ist es eine schöne Gelegenheit, das Thema ‚Autonom fahrende Maschine‘ auszuprobieren.“

bi-BauMagazin: Die Ausweitung des Produktprogramms stellt auch Hamm vor große Probleme. Haben Sie Hoffnung, dass sich die Situation in Zukunft verbessert?
„Wir haben heute die Situation, dass wir die gleiche Erdbauwalze in drei verschiedenen Varianten anbieten müssen: Tier 2, Tier 3 und Tier 4 Interim. Das ist ein Stück aus dem Tollhaus. Wenn eine Erdbauwalze irgendwo im Dschungel betrieben wird, dann wird sie betankt mit einer Mischung aus Kerosin, Diesel und Wasser. Da sind Sie mit einem Tier-2-Motor gut bedient. Ein Common-Rail-Ventil hält dem Wasser vielleicht 300 Stunden stand, dann ist es hin. Damit ist Tier 3 für diese Anwendung praktisch tot. Ich glaube nicht an eine Harmonisierung, weil in der Zwischenzeit in Brüssel schon über Stufe V diskutiert wird. Wir gehen davon aus, dass wir spätestens 2019 mit der nächsten Abgasstufe für Baumaschinen rechnen müssen.“
Walzenproduktion bei Hamm in Tirschenreuth
Hamm produziert schon seit 2009 „lean“ – abgeschlossen sind
die Veränderungen damit aber nicht. Die Verbesserung der
Produktivität ist ein ständiger Prozess. | Fotos: bi
bi-BauMagazin: Sind die „hochgezüchteten“ Motoren der neuesten Abgasstufe überhaupt in anderen Teilen der Welt vermarktbar?
„Die Motorenhersteller arbeiten im Moment an Nachrüstkits, um die Maschinen von Tier 4 auf Tier 3 zurückzurüsten. Das viel größere Problem: Im Zuge der Tier-4-Entwicklung sind die Maschinen sehr stark elektrifiziert worden. Das heißt, Sie haben nicht nur einen Fahrrechner, sondern auch eine elektrische Motorsteuerung und eine relativ aufwändige Canbus-Technik. Viele Länder, die Tier 4 Interim bzw. Stufe IIIB eingeführt haben, sind in der Servicestruktur noch nicht in der Lage, dies zu servicieren. Und die Empfängerländer der Gebrauchtmaschinen werden es in fünf bis zehn Jahren auch nicht sein. Daher ist für die Wirtgen Group Schulung ein ganz zentrales Thema, weil die Maschinen durch diese Rahmenbedingungen nicht einfacher werden. Dem müssen sich nicht nur die Hersteller stellen, sondern auch die regionalen Händler und die Kunden.“

bi-BauMagazin: Wie gut ist Hamm auf die zu erwartende Stufe V vorbereitet?
„Wir arbeiten mit zwei Motorenherstellern zusammen: Kubota bietet im Tier-4-Bereich nur DPF-Lösungen an. Das Schöne an Deutz ist, dass sie die (filterlose) DOC-Lösung und daneben auch die DPF-Lösung anbieten. Wir glauben, dass wir damit für Stufe V einigermaßen gerüstet sind.“

bi-BauMagazin: Ist denn der Filter wirklich die einzige Lösung, um die Partikelemissionen in den Griff zu bekommen?
„Ich würde nicht sagen, dass der Filter die einzige Lösung ist. Die Technik macht vieles möglich. Das Problem ist: In der Vergangenheit war es so, dass die gesetzlichen Regularien bestimmte Grenzwerte vorgegeben haben. Damit war die technische Freiheit da, um adäquate Lösungen zu implementieren und dabei ein technisch-wirtschaftliches Optimum zu finden. Diesen Mechanismus, auf die Kreativität der Ingenieure zu vertrauen, setzt man jetzt außer Kraft, indem man sagt, man möchte unbedingt einen Filter haben. Auf der einen Seite werden in der Stufe V Partikelanzahl und -größe definiert. Auf der anderen Seite haben Sie Städte und Kommunen, die losgelöst von den Grenzwerten sagen: Wir wollen unbedingt den Filter haben. Es gibt also zwei konkurrierende Rechtssysteme, die uns Hersteller in eine ganz bestimmte Richtung zwingen.“