Radon: Streit um den Grenzwert für Innenraumluft

KIEL, 16.01.2017 – Noch gut ein Jahr, dann muss auch in Deutschland der bauliche Radonschutz rechtlich gewährleistet sein. Das sieht eine Europäische Richtlinie zum Strahlenschutz vor. Technisch ist das kein großes Problem. Aber: Die Verantwortlichen streiten sich noch immer über den Grenzwert, der in Innenräumen erlaubt sein soll.

von Rudi Grimm

Konferenzteilnehmer in Concarneau
Austausch über das Radon-Problem: Im Oktober trafen sich dazu rund 50 Radon-Experten aus ganz Europa im französischen Concarneau.
Um das radonbedingte Lungenkrebsrisiko zu senken, wird derzeit eine europäische Richtlinie in deutsches Recht umgesetzt. Dabei wird über die Höhe der tolerablen Radon-Konzentration in Aufenthaltsräumen, dem „Referenzwert“ in Becquerel pro Kubikmeter, heftig gestritten. Welches Krebsrisiko ist „akzeptabel“? Für den Arbeitsschutz sollen 300 Becquerel pro Kubikmeter Luft als Jahresmittelwert akzeptiert werden. Den gleichen Wert sieht der Referentenentwurf neuerdings auch für die Bevölkerung vor, während im vorherigen Gesetz-Entwurf nur 100 Bq/m³ gelten sollten. Mit nun 300 Bq/m³ hätte die Bevölkerung ein ungleich höheres Lungenkrebsrisiko als Arbeitnehmer zu tragen, weil sich die normale Bevölkerung, bezogen auf die Lebensdauer, drei bis fünfmal länger in Innenräumen aufhält als ein Arbeitnehmer bei der Arbeit.

Referenzwert 100 oder 300 Becquerel?


Wegen des hohen Lungenkrebsriskos durch Radon sprechen sich für 100 Bq/m³ als Referenzwert wichtige Fachorganisationen wie die Weltgesundheitsorganisation WHO und deutsche Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS) und Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie, AIR (Ausschuss für Innenraumrichtwerte) aus sowie das Bundesamt für Strahlenschutz aus.
Die süddeutschen Bundesländer, wo Radonproblem in Gebäuden bekannter ist, wollen eher 300 Bq/m³. Einige fürchten, 100 Bq/m³ sei bei Sanierungen schwer erreichbar, zu aufwändig und zu teuer. Neue Sanierungserfolge jedoch zeigen, dass 100 Bq/m³ machbar und bezahlbar sind. Beim Neubau sind 100 Bq/m mit entsprechenden Verfahren und Materialien kein Problem mehr.
Das Lungenkrebsrisiko durch Radon ist in zahlreichen Studien sehr gut untersucht. Es beträgt bei 300 Bq/m³ 1 : 500, das heißt, rechnerisch erkrankt bei 300 Bq/m eine von 500 Personen aus der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens an Lungenkrebs durch Radon. Dies ist ein ungleich höheres Risiko als bei anderen Schadstoffen. So liegt der Grenzwert für Benzol in der Außenluft beispielsweise bei einem Krebsrisiko von 1 : 30.000, der Zielwert für Arsen bei einem Krebsrisiko von 1: 100.000.

Radon-Konferenz in Frankreich


Im französischen Concarneau in der Bretagne haben sich am 6. Oktober 2016 rund 50 Radon-Experten aus europäischen Ländern in der Konferenz ROOMS (Radon Outcomes On Mitigation Solutions) auf Einladung der Gesellschaft cstb CSTB et l’association Approche Eco-Habitat (AEH), aus den Bereichen Sanierung, Bau, Messung, Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit ausgetauscht.
In vielen Bereichen bei diesem Thema hat Irland die Nase vorn, so in der Ansprache der verschiedenen Zielgruppen wie zum Beispiel Hausbesitzer, Baugewerbe, Schulen etc. (www.epa.ie/radon). Das Problembewusstsein in allen betroffenen Gruppen ist höher als in Deutschland. Irland verfolgt seit Jahren konsequent einen Maßnahmeplan und konnte die Radon-Belastung in neuen Häusern und im Bestand nachweislich senken.
Österreich, Frankreich und Belgien berichteten über Radon in Kitas und Schulen. Diese Einrichtungen sind wegen der besonderen Schutzwürdigkeit von Kindern und Jugendlichen, aber auch durch die Umnutzung von Räumen, die ursprünglich nicht für den Aufenthalt von Kindern und Lehrern vorgesehen waren, im Fokus. Hier scheint wichtig, Sanierungserfolge dauerhaft zu sichern, indem Lüftungs- und Absauganlagen benutzt und gewartet werden.

Dirk Jung mit einer Radonabsaugung
Dirk Jung bei einer Radon-Sanierung mit dem Radea-Absaugsystem. | Fotos: Radea

Lüftungskonzept bei Sanierungen wichtig


Aus Frankreich kam der dringende Appell, bei Einergie-Einspar-Sanierungen unbedingt auf ein gutes Lüftungskonzept zu achten. Logischerweise kann Radon in energiesanierten Gebäuden enorm ansteigen: Das radioaktive Gas strömt ununterbrochen aus dem Boden und baut hohe Konzentrationen auf, wenn es nicht aus dem Gebäude entweichen kann oder sein Eintritt ins Gebäude nicht verhindert wird. Am wirkungsvollsten ist es daher, Radon erst gar nicht ins Gebäude zu lassen. Lüftungsanlagen helfen gut in ungenutzten Kellern, die nicht mit dem restlichen Haus verbunden sind. Auch bei Niedrigenergie-Häusern und bei Geothermieanlagen ist Radon im Blick zu behalten.
Über eigene Erfahrungen mit Radonsanierungen in den USA berichtete ein Experte, der dort ein Jahr verbracht hatte. In den USA sind Messungen bereits für 9 Dollar zu haben, und der „action-level“ liegt bei 150 Bq/m³.
Eine Arbeitsgruppe mit Vertretern aus mehreren europäischen Ländern untersucht, wie man große, komplexe Gebäude bei der Abschätzung der Radon-Belastung behandeln sollte. Möglicherweise können Prognosen und Berechnungen die Zahl an Messungen verringern.

Radon kann überall auftreten


Für die Ermittlung des Gefährdungspotentials durch Radon werden oft Radon-Karten herangezogen. Dass diese Karten keine Aussagen über einzelne Grundstücke oder Gebäude erlauben, steht zwar oft im Kleingedruckten, wird aber häufig übersehen. Radon-Karten gelten unter vielen Fachleuten daher als unzuverlässig für Vorhersagen. Dies bestätigte auch der Vertreter einer erfahrenen Sanierungsfirma aus Großbritannien. Die höchste Radon-Belastung von 16.000 Bq/m³ in einem Gebäude hatte er ein einem Gebiet vorgefunden, das laut Radon-Karte unkritisch war.

Wirtschaftliche Sanierungstechnik


Aus Deutschland berichtete die Firma Radea über die Weiterentwicklung ihrer wirtschaftlichen Sanierungstechnik. In einem Haus in Hanglage in Thüringen hatten mehrere Radon-Messgeräte einer amtlichen Messstelle nach vier Tagen am Anschlag von 9999 Bq/m³ gelegen. Radea analysierte zunächst die Eintrittsquellen im Keller, setzte dann Kernbohrungen, die sorgfältig abgedichtet wurden, und saugte die radonhaltige Bodenluft unter dem Haus mittels eines Radon-Saugers ab. Über radondichte Rohre gelangte die radioaktive Luft dann ins Freie. Variable Einstellungen am Radon-Sauger ermöglichen dabei eine optimale Abstimmung zwischen Druck und Durchflussmenge. Nachfolgende Radon-Messungen im Keller und Wohnbereich lagen um 30 bis 50 Bq/m³, also weit unter dem strengen Referenzwert. Die Kosten betrugen 4.500 Euro. Dieser Preis gilt etwa auch für Häuser bis 120 Quadratmeter Wohnfläche. In den letzten vier Jahren hat Radea über 20 Einfamilienhäuser saniert. Seit Neuestem kann das Unternehmen aus Hilpoltstein auf Sanierungen von Häusern mit 18.000 und 35.000 Bq/m³ verweisen. „Wir haben die Sanierungstechnik konsequent weiterentwickelt“, so Geschäftsführer Dirk Jung. „Es ist tragisch, in einem Haus zu stehen, in dem die Bewohner seit mehr als zehn Jahren dauerhaft mehr als 20.000 Bq/m³ messen und kein Sanierungsangebot unter 100.000 Euro gefunden haben. Wenn ich dann höre, dass ein Familienmitglied an Lungenkrebs erkrankt ist, bin ich doppelt froh, dieses Haus saniert zu haben.“



Fünf verbreitete Irrtümer über Radon

 
1.    Wo kein Wasser, auch kein Radon
Falsch. Radon findet sich auch in trockenen Kellern oder Wohnungen in hohen Konzentrationen.
 
2.    Radon gibt es nur in Süddeutschland
Falsch. Auch in Norddeutschland befinden sich granithaltige Gesteine, die Radon freisetzen und werden beängstigend hohe Konzentrationen in Wohnräumen gemessen. Nach Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz befindet sich überall in Deutschland genug Radon im Boden, um es bei Gebäudeundichtigkeiten in unerwünscht hohen Konzentrationen im Haus zu haben.
 
3.    Ein relevantes Gesundheitsrisiko besteht nur bei Rauchern
Falsch. Auch Nichtraucher erkranken durch den Auffenthalt in Räumen mit hoher Radonkonzentration an Lungenkrebs. (Raucher haben ein etwa 25-fach höheres Lungenkrebs-Risiko als Nichtraucher.)
 
4.    Das Thema Radon ist durch
Falsch. Die Umsetzung einer entsprechenden europäischen Richtlinie läuft. Im neuen „Strahlenschutzgesetz“ werden erstmals in Deutschland Referenzwerte und Empfehlungen für radonsicheres Bauen und Referenzwerte geregelt und die Weichen für einen Radonmaßnahmplan gestellt.
 
5.    Gebäude auf unter 100 Becquerel sanieren geht nicht und ist unbezahlbar
Falsch. Die Sanierungstechnik entwickelt sich rasant weiter. Auch hochbelastete Gebäude können zunehmend erfolgreich und bezahlbar saniert werden.