Warum Scheitern erlaubt sein sollte

KIEL/BRUCHSAL, 08.11.2016 - Wer in unserer Gesellschaft als Unternehmer scheitert, wird schnell als „Loser“ abgestempelt. Und in Unternehmen? Wer dort ein Projekt gegen die Wand fährt, muss oft zumindest mit einem Karriere-Knick rechnen. Deshalb fällt es vielen Menschen schwer, sich und anderen einzugestehen: Ich bin oder war auf dem Holzweg.

von Dr. Georg Kraus, Bruchsal

Dr. Georg Kraus
Dr. Georg Kraus ist geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensberatung Dr. Kraus & Partner, Bruchsal. Er ist u.a. Lehrbeauftragter an der Universität Karlsruhe, der IAE in Aix-en-provence, der St. Gallener Business-School und der technischen Universität Clausthal. www.kraus-und-partner.de

Jahr für Jahr werden in Deutsch¬land circa 300.000 Unternehmungen gegründet; also mehr als 800 pro Tag. Doch nur jedes Zehnte hat Erfolg. Das heißt: Bei circa 270.000 Jungunternehmern und Selbstständigen ist das Scheitern vorprogram¬miert. Und wenn sie scheitern? Sind die Gescheiterten dann stolz auf diese Erfahrung? Erzählen sie anderen davon, lecken ihre Wunden und starten gereift und gestärkt neu durch? Eher selten! Wer in Deutschland scheitert, schweigt. Denn Scheitern erzeugt im besten Fall Mitleid, und im schlimmsten Fall ist der Misserfolg ein scharlachrotes Brandmal.

Darüber sprechen befreit


Doch seit zwei, drei Jahren gibt es einen Trend, der mit diesem Tabu bricht. Die Mexikanerin Leticia Gasca hatte die Geschäftsidee, Kunsthandwerk übers Internet zu verkaufen. Die Umsetzung scheiterte. Zunächst hatte die junge Unternehmerin Hemmungen, hierüber zu sprechen. Doch dann erzählte sie Freunden von ihrem Scheitern und merkte, wie wichtig es für sie war, diese Erfahrung zu teilen. So entstand die Idee von FuckUp-Nights – Treffen, bei denen Menschen, Geschichten von ihrem Scheitern erzählen. Immer mehr Personen kamen. Denn die Frauen und Männer, die offen über ihr Scheitern sprachen, erlebten dies als eine Katharsis. Sie wur¬den wieder frei von Scham, Angst und Selbstverurteilung. Frei für den nächsten Versuch.
Inzwischen hat der Trend viele Länder erfasst. In zahlreichen Großstädten finden regelmäßig solche „Loser-Treffen“ statt: Storytelling, um das Erlebte zu verarbeiten und Misserfolge salonfähig zu machen. Das ist eine wirksame Medizin, um die Schockstarre abzustreifen und wieder aufzustehen.

FuckUp-Nights: Auch sinnvoll in Unternehmen


Solche Foren sind nötig – auch in Unternehmen. Denn viele Führungskräfte und Manager, aber auch Mitarbeiter, die operative Verantwortung tragen, scheuen sich zunehmend, Risi¬ken einzugehen – aus Angst zu scheitern, am Pranger zu stehen und das Stigma „Loser“ auf der Stirn zu tragen. Doch wer soll in unserer Gesellschaft, in unseren Unternehmen noch herausfordernde Aufgaben übernehmen und risikobehaftete Entscheidungen treffen, wenn wir eine Kultur tolerieren, die ein Scheitern verurteilt? Was wird dann aus dem Unternehmergeist, der Entdeckerfreude, dem Veränderungswillen, der unsere Gesellschaft und die Unternehmen vorantreibt?
Thomas Edison, der Erfinder nicht nur der Glühbirne, erhob das Fehler-Machen und Scheitern zum Prinzip. Als ein Mitarbeiter von ihm nach dem tausendsten Versuch, eine marktreife Glühbirne zu entwickeln, sagte „Wir sind gescheitert", soll Edison erwidert haben: „Ich bin nicht gescheitert. Ich kenne jetzt 1000 Wege, wie man keine Glühbirne baut." Dieses Denken fehlt uns. Wir haben vergessen, wie wertvoll die Erfahrungen sein können, die Menschen im Kontext von Misserfolg sammeln. Sie heben den Reifegrad und verbessern die Performance bei den nachfolgenden Versuchen – wenn die Erfahrungen reflektiert und verar¬beitet werden.

Doch leider fördert die Kultur in unserer Gesellschaft und in vielen Unternehmen das Gegenteil. Ein Scheitern ist nicht erlaubt. Und Personen, die gescheitert sind, bekommen selten eine zweite Chance. Doch so kann kein Lernen erfolgen. Vielleicht sollte es auch in den Unternehmen FuckUp-Nights geben, in denen Mitarbeiter freimütig darüber berichten, wie sie zum Beispiel ein Projekt krachend gegen die Wand fuhren oder eine Auftragschance so richtig vergeigten.

Umdenken ist nötig


Das würde außer ihren Köpfen auch die Köpfe vieler ihrer Kollegen wieder freier machen, die in der ständigen Angst leben: „Das darf mir nicht passieren, sonst...“. Vermutlich würden solche Nächte oder Meetings einen Beitrag leisten dazu, dass Fehler als Chance gesehen werden und Personen, die auf dem Holzweg sind oder waren, sich und anderen eingestehen können: „Das ist zwar dumm gelaufen, doch ich habe daraus viel gelernt.“
Auch die Personalverantwortlichen sollten umdenken. In vielen Unternehmen bedeutet zum Beispiel ein gescheitertes Projekt noch das Karriere-Aus. Also wird das sich abzeichnende Scheitern so lange verschwiegen, bis die Fehlentwicklung zum Himmel stinkt. Und bewirbt sich ein gescheiterter Selbstständiger bei Unternehmen? Dann fassen ihn diese, wenn überhaupt, mit Glacéhandschuhen an. Dabei sollten solche Bewerber einen Bonus haben, denn sie haben Eigeninitiative bewiesen und wissen, wie man gewisse Dinge nicht machen sollte, um erfolgreich zu sein. 

Unbedingt fragen beim Einstellungsgespräch


Eigentlich sollten die Personalverantwortlichen in den Unternehmen Bewerber, die sich für eine Position bewerben, die viel Eigeninitiative und -verantwortung erfordert, in Vorstellungsge¬sprächen stets fragen: „Sind Sie in Ihrem (Berufs-)Leben schon mal so richtig ge¬scheitert?“ Und: „Was haben Sie daraus gelernt?“
Und wenn auf die erste Frage nichts kommt? Dann sollten sie sich ernsthaft fragen: Ist das der richtige Mitarbeiter für uns? Denn dann hat der Bewerber für seine künftige Position sehr wichtige Erfahrungen noch nicht gemacht. Oder er hat sie verdrängt. Oder er lügt. In allen drei Fällen ist er wohl nicht der Richtige.  bi


Diesen Beitrag lesen Sie auch im aktuellen bi-BauMagazin, Ausgabe 10+11/2016.