Bauhauptgewerbe: Azubis verzweifelt gesucht

KIEL, 07.04.2017 – Die Zahl der Auszubildenden im Bauhauptgewerbe hat sich in den vergangenen 20 Jahren um fast 70 Prozent verringert. Das Interesse an Bauberufen ist massiv gesunken. Geeignete Bewerber werden zur Mangelware. Änderung ist nicht in Sicht.

Heiko Schilling
Ausbildungsleiter Heiko Schilling: „Ein ganz großer Teil derjenigen Auszubildenden, die zu uns kommen, hat einen Migrationshintergrund oder kommt aus zerrütteten Familienverhältnissen.“ | Foto: privat
Dr. Ilona Klein

Sieht gerade in Gegenden, wo Bau-
unternehmen mit der stationären
Industrie konkurrieren, „extreme Pro-
bleme“, geeignete Auszubildende zu
finden: ZDB-Sprecherin Dr. Ilona
Klein. | Foto: ZDB

„Wenn heute, wie in Hamburg, fast 60 Prozent eines Jahrgangs Abitur machen, dann darf man sich nicht darüber wundern, dass keiner mehr Baggerfahrer werden will.“ Der, der das sagt, heißt Heiko Schilling und ist Ausbildungsleiter am ABZ für den Werra-Meißner-Kreis. ABZ ist die Abkürzung für Ausbildungszentrum der Bauwirtschaft. Jeder, der einen Bauberuf erlernt, muss an einer der über ganz Deutschland verteilten Einrichtungen seine überbetriebliche Ausbildung absolvieren. Schilling hat schon viele Lehrlinge kommen und gehen sehen. Und dabei musste er vor allem eines feststellten: das Niveau geht mehr und mehr zurück. „Ein ganz großer Teil derjenigen, die zu uns kommen, hat einen Migrationshintergrund oder kommt aus zerrütteten Familienverhältnissen.“ Nur bei etwa 20 bis 30 Prozent könne man sagen, „da gibt es noch eine Familie“. Schilling sieht darin vor allem ein gesellschaftliches Problem. Nach dem Motto „Ich brauche den Job, um Geld zu verdienen“ sei der Beruf für viele Jugendliche lediglich Mittel zum Zweck. Zwar gebe es teilweise noch so etwas wie Berufsethos. Den aber in der überbetrieblichen Ausbildung zu vermitteln, hält Schilling für „relativ schwierig“.

Firmen streiten um Azubis


Ellen Scharf ist beim ABZ in Magdeburg für die Betreuung der Unternehmen zuständig. Große Firmen, sagt sie, erhielten schneller Bewerbungen für Ausbildungsplätze. Kleinere Betriebe hingegen müssten dafür „wirklich kämpfen“. Dass sich das in absehbarer Zeit ändert, glaubt sie nicht. Die Lage werde sich vielmehr weiter zuspitzen. Einen Hauptgrund dafür, dass es Betriebe gerade in Ostdeutschland schwer haben, an geeigneten Nachwuchs zu kommen, sieht Scharf darin, dass in den neuen Ländern die Berufsausbildung „fürchterlich zerpflückt ist“. Trockenbauunternehmen aus Magdeburg müssen ihre Lehrlinge zur überbetrieblichen Ausbildung nach Dresden schicken. Angehende Straßenbauer müssen nach Stendal und Kanalbauer nach Gera fahren. Hinzu kommt, dass die Betriebe nicht verpflichtet sind, ihren Auszubildenden die Fahrtkosten zu ersetzen. Die Zahlungsbereitschaft ihrer künftigen Arbeitgeber ist deshalb für viele Azubis zu einem Auswahlkriterium geworden. Mittlerweile hat sich zumindest in Ostdeutschland die Konkurrenzsituation so zugespitzt, dass zwischen Firmen um gute Lehrlinge gestritten wird.

Mehr als zwei Drittel weniger Lehrlinge


Seit dem Boomjahr 1996 ist nach Erhebungen des Zentralverbandes des Deutschen Baugewerbes (ZDB) die Zahl der Lehrlinge im Bauhauptgewerbe von 109.435 um mehr als zwei Drittel auf 33.663 im vergangenen Jahr gesunken (Stichtag jeweils 1. Januar). Stark waren die Einbrüche vor allem bis 2005. Innerhalb von nur neun Jahren schrumpfte die Zahl der Lehrlinge um fast 60 Prozent auf knapp 44.000. Seitdem geht es, wenn auch in kleineren Schritten, kontinuierlich weiter bergab. Besonders krass sind die Daten für Ostdeutschland. Dort gab es 1996 noch 49.303 Lehrlinge im Bauhauptgewerbe. Am 1. Januar 2016 waren es nur noch 5.299. Das entspricht einem Rückgang von etwas mehr als 89 Prozent. Die Zahlen für Westdeutschland sind ebenfalls ernüchternd. Im Vergleichszeitraum gab es ein Minus von knapp 53 Prozent auf 28.364 Auszubildende. Industrie und Handwerk waren in Ost und West jeweils etwa gleichstark betroffen.
Der ZDB rechnet damit, dass allein im Bauhauptgewerbe in den kommenden zehn Jahren etwa 50.000 Mitarbeiter in den Ruhestand gehen. Sprecherin Dr. Ilona Klein: „Um diese Lücke zu stopfen, wird eigentlich zu wenig ausgebildet.“ Die Situation sei, je nach Region, teilweise recht unterschiedlich. Gerade in Gegenden, wo Bauunternehmen mit der stationären Industrie konkurrieren, sieht sie „extreme Probleme“, geeignete Azubis zu finden. Von einem flächendeckendem Problem könne jedoch nicht gesprochen werden. Allerdings müssten sich die Unternehmen anstrengen, Auszubildende zu bekommen. Was die Bauberufe vor allem bräuchten, sagt Klein, sei „mehr Wertschätzung in der Öffentlichkeit“.

Unternehmen verlassen sich zu sehr auf andere


„Wir haben ein Imageproblem ohne Ende“, meint Ausbildungsleiter Schilling. Er fordert, dringend mehr zu tun, um das zu ändern. Ein Unternehmen mit 100 Beschäftigten brauche, um für den nötigen Nachwuchs zu sorgen, mindestens sechs Auszubildende. Tatsächlich hätten sie aber „vielleicht zwei oder drei“. Dass sie zu wenig ausbilden, sei den Betrieben teilweise nicht bewusst. Schilling: „Wenn sie das Problem erkennen würden, wären sie bei der eigenen Akquirierung deutlich aktiver.“ Seiner Meinung nach verlassen sich die Unternehmen „zu sehr auf andere“.
Vom allgemeinen Azubi-Mangel ist auch die Umwelt- und Wasserbau GmbH betroffen, ein überwiegend im Tief- und Ingenieurbau tätiges Unternehmen mit Hauptsitz in Blankenburg im Harz. Etwa 800 Mitarbeiter werden beschäftigt. Lediglich 30 davon sind Auszubildende. Gern würde man, versichert Daniela Wilhelm, mehr einstellen. Doch es kämen nicht genügend Bewerbungen herein. Kaum einer wolle noch auf dem Bau arbeiten. Wilhelm ist im Unternehmen unter anderem für den Bereich Ausbildung zuständig. „Wir suchen“, sagt sie, „händeringend nach Lehrlingen für den Baubereich, finden aber keine“. Und das, obwohl das Unternehmen entsprechende Messen besucht und auch Werbung für Lehrlinge über regionale Rundfunkanstalten betreibt. Dafür, dass nicht nur Bau-, sondern Handwerksberufe allgemein bei jungen Leuten nicht gerade beliebt sind, macht Wilhelm unter anderem die Lehrpläne allgemeinbildender Schulen verantwortlich. Die Förderung handwerklicher Fähigkeiten ist darin nicht vorgesehen. Den früher praktisch an allen Schulen durchgeführten Werkunterricht, sagt sie, „gibt es schon lange nicht mehr“. Und das müsse sich dringend ändern. Schon die Kinder sollten wieder lernen, handwerklich tätig zu werden.

Flüchtlinge bieten keinen Ausweg


Dass Flüchtlinge und Migranten kurz- oder auch mittelfristig helfen könnten, die Situation auf dem Ausbildungsmarkt zumindest zu lindern, wird in der Branche allgemein bezweifelt. Viele Firmen klagen über nicht ausreichende Schulbildung und Deutschkenntnisse. Ellen Scharf von der ABZ in Magdeburg: „Verschiedene Bergriffe müssen allein schon aus Gründen der Arbeitssicherheit beherrscht werden. Ohne die geht es nicht.“ Doch für Scharf gibt es noch ein weiteres gravierendes Problem, nämlich die Bürokratie. Zu viele Hürden, sagt sie, müssten überwunden werden. Die Unternehmen würden mittlerweile „resigniert reagieren“. Hinzu komme, dass kleine und auch mittelgroße Firmen meist ganz einfach nicht die Zeit hätten, Flüchtlinge oder Migranten einzuarbeiten. Scharf: „Da müssen auch die Unternehmen viel zusteuern. Und die haben nicht immer die Kraft dazu.“ Der Wettbewerb zwinge sie, sich voll und ganz auf ihr Geschäft zu konzentrieren.
Neben mangelnder Bildung, fehlenden Deutschkenntnissen und bürokratischen Hürden sieht Ausbildungsleiter Schilling noch ein anderes Manko: „Die Leute“, sagt er, „kommen mit einer gewissen Erwartungshaltung hier her.“ Ein Beispiel für das, was passieren kann, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden können, hat er auch parat. Erst kürzlich hatte sich an der ABZ ein Flüchtling, dem man eine Ausbildung ermöglichen wollte, schon nach einer Woche wieder verabschiedet. Schilling: „Die Begründung lautete: ‚Baustelle zu kalt‘.“ Die Firmen hätten, was die Einstellung von Flüchtlingen und Migranten anbelangt, „grundsätzlich resigniert“. Allerdings gibt es auch löbliche Beispiele für eine gelungene Integration. Der amtierende deutsche Meister im Stuckateurhandwerk ist ein junger Afghane. Er lebt allerdings schon seit 2010 in Deutschland.

Zu viel Abwanderung in andere Branchen


Doch selbst wenn sich mehr junge Leute für einen Bauberuf entschieden, wäre das Personalproblem noch lange nicht gelöst. Nach Erfahrungen des ZDB wechselt ein nicht unbeträchtlicher Teil der ehemaligen Auszubildenden innerhalb von zehn Jahren in andere Branchen. Schilling schätzt den Anteil auf etwa 50 Prozent. Die gehen dann, sagt er, unter anderem in die Logistik oder auch in die Verwaltung. Für die betroffenen Unternehmen bedeutet das nicht nur einen erheblichen personellen Aderlass. Auch ein Teil der Investitionen, die sie in die Aus- und Weiterbildung gesteckt haben ist, zumindest für sie, verloren. Dass sich daran in absehbarer Zeit etwas ändert, glaubt Schilling nicht. Es fehlten, sagt er, vor allem Geld und eine langfristige Strategie.