QGS: Qualität von der Grabensohle bis zum Deckenschluss

KIEL, 02.03.2018 – Für Arbeiten an erdverlegten Leitungsnetzen haben sich Systeme zur Güte- und Qualitätssicherung fest etabliert. Diesem Gedanken will die Qualitätsgemeinschaft Städtischer Straßenbau e.V. (QGS) auch für den Straßenbau zum Durchbruch verhelfen.

von Artur zu Eulenburg

Fertigung einer Betonstraßendecke
Weiterbildungsinhalte entwickelt: Für den Betonstraßenbau wurde von der QGS der bundesweit anerkannte B-StB Schein erarbeitet. | Foto: Lessing

Der Verein hat seinen Ursprung in Berlin und kann dort in den zurückliegenden acht Jahren auf eine erfolgreiche Arbeit verweisen. Die Gründung der QGS im Jahr 2009 ist entscheidend auf die Initiative und das Drängen der Berliner Wasserbetriebe zurückzuführen. Auslöser war eine Gesetzesänderung im Jahr 2006, mit der die Zuständigkeit für den endgültigen Deckenschluss der Straße nach Aufgrabungen für Arbeiten an den Leitungen vom Straßenbaulastträger auf den Leitungsnetzbetreiber übertragen wurde. Bei der Ausschreibung von Arbeiten an den Leitungen standen dem Einkauf der Berliner Wasserbetriebe vom Güteschutz Kanalbau und vom DVGW entwickelte Instrumentarien zur Verfügung, die seitens der Bieter den Nachweis der Fachkunde und Leistungsfähigkeit beinhalteten. Für den Straßenbau gab es diesbezüglich nichts Vergleichbares, und somit auch keine für diese Arbeiten zertifizierten Unternehmen.

„Weder VOB-konforme Ausschreibung noch fairer Wettbewerb möglich“

Zum anderen existierte in dem Bereich des innerstädtischen Straßenbaus kein einheitliches Regelwerk, das den eigentlichen Herstellungsprozess abgebildet hat. Nirgends wurde beschrieben, mit welchem Fachpersonal und mit welcher Technik solche Maßnahmen auszuführen sind. „Wir arbeiten zwar mit normierten Baustoffen und auch das Endprodukt ist normiert, der Herstellungsprozess dazwischen war jedoch völlig offen. Wie diese Arbeiten auszuführen sind, wurde weder definiert noch überwacht“, beschreibt Christian Guss, der Vorsitzende der Qualitätsgemeinschaft. „Auf dieser Basis war weder eine VOB-konforme Ausschreibung noch ein fairer Wettbewerb möglich“, ergänzt der Obmann des Qualitätsausschusses der QGS, Helmut Lessing, und unterstreicht mit der Zahl von ca. 15.000 ungeplanten Aufgrabungen pro Jahr allein in Berlin die Größenordnung des Problems. „Bei der Vergabe der Arbeiten für den Deckenschluss hatten seriöse Fachbetriebe mit einem gewissen Qualitätsanspruch mit Blick auf den Angebotspreis kaum eine Chance“, beklagt Guss.

Berliner Wasserbetriebe als Motor

Dieser Zustand war aus Sicht des Einkaufs der Berliner Wasserbetreibe unbefriedigend. Zusammen mit einer Arbeitsgruppe aus Berliner Straßenbaufirmen wurden Anforderungen, Qualitätskriterien und Rahmenbedingungen für einen qualitätsorientierten innerstädtischen Straßenbau erarbeitet. So wurde in enger Abstimmung zwischen Auftraggeber und Auftragnehmern erstmals für ganz Berlin ein Standardregelwerk erstellt, wie eine Wiederherstellung der Straßen in den vier Bauweisen Steinstraßenbau, Walzasphalt, Gussasphalt und den Betonstraßenbau zu erfolgen hat. Auf dieser Grundlage wurde eine Werknorm für die Berliner Wasserbetriebe erstellt. „Diese Werknorm ist so gut gelungen, dass die Stadtväter in Berlin nichts besseres zu tun hatten, als sie eins zu eins zu kopieren und in ein neues Gesetz zu gießen“, beschreibt Helmut Lessing. Darüber hinaus wurden von der Arbeitsgruppe die Anforderungen an Personal und technische Ausrüstung definiert, die ein ausführendes Unternehmen erfüllen muss, um als qualifizierter Fachbetrieb zu gelten.

Thermobehälter für Walzasphalt
Technische Entwicklung angestoßen: Der in Berlin mittlerweile etablierte Thermobehälter. Er ermöglicht es, die nach punktuellen Aufgrabungen benötigten kleinen Mengen Walzasphalt mit der für einen fachgerechten Einbau erforderlichen Temperatur auf die Baustelle zu liefern. | Foto: Lessing

Qualitätsausschuss zentrales Organ

Damit waren die Voraussetzungen für die Gründung der Qualitätsgemeinschaft Städtischer Straßenbau im Jahr 2009 geschaffen. In der Organisationsstruktur gleicht die QGS in den zentralen Elementen dem Güteschutz Kanalbau. Zentrales Organ der QGS ist der Qualitätsausschuss. Dieses Gremium wacht über den Auditierungsprozess, es verleiht Qualitätssiegel, begleitet die Baustellenkontrollen und entwickelt die Ausführungsbestimmungen weiter. In dem Ausschuss sind die Auftraggeber, die Auftragnehmer, die Regelsetzer, Prüflabore und Planungsbüros und somit alle am Prozess Straßenbau Beteiligten vertreten. Das ist nach dem Selbstverständnis der QGS die Voraussetzung dafür, dass in diesem Gremium interessenneutral und objektiv entschieden wird.
Die Qualitätssiegel werden für die spezifischen Bauweisen erteilt und gelten zwei Jahre. Danach muss die Straßenbaufirma sich erneut auditieren lassen, um das Siegel zu verlängern. Sollten Missstände festgestellt werden, greifen Sanktionsmechanismen bis hin zum Entzug des Qualitätssiegels.

Facharbeiterquote und adäquate Bezahlung

Besonderen Wert legt die QGS auf die Qualifikation der Beschäftigten. „Wir sind die einzige Qualitätsgemeinschaft im Baubereich, die von ihren auditierten Unternehmen eine Facharbeiterquote von über zwei Drittel des gewerblichen Personals verlangt“, betont Christian Guss. Die Hälfte davon muss die erfolgreich absolvierte Teilnahme an anerkannten Fortbildungsveranstaltungen nachweisen, die nicht länger als zwei Jahre zurückliegen. Den Status des Facharbeiters muss das Unternehmen nicht nur anhand der fachlichen Qualifikation, sondern auch anhand der adäquaten Bezahlung nachweisen. „Um dies zu kontrollieren, lassen wir uns die Beitrags- und Meldebescheinigung der SOKA vorlegen“, ergänzt Helmut Lessing. „Denn die leistungsgerechte Bezahlung der Mitarbeiter ist für uns zum einen eine sozialpolitische Komponente und zum anderen die Voraussetzung für einen transparenten und fairen Wettbewerb.“

Konkrete Erfolge in Berlin

Um die Auswirkungen der Aktivitäten der QGS auf die Qualität der fertiggestellten Baustellen zu dokumentieren, überprüfte die Fachhochschule Münster im Rahmen einer von der QGS beauftragten wissenschaftlichen Begleitung vorhandene Deckenschlüsse in Berlin. Die Ergebnisse des ersten Prüfzyklus vor sechs Jahren waren ernüchternd: Die Mängelquote lag bei 89 Prozent. Seitdem Kontrollprüfungen durchgeführt werden, haben sich die Qualitätsbeanstandungen auf inzwischen rund 40 Prozent reduziert, stellte die Fachhochschule Münster in zwei weiteren Prüfzyklen fest. Dies sei zwar noch kein Grund zum Jubeln, stellt Christian Guss fest. Die in Berlin gesetzlich vorgeschriebene Überprüfung von 10 Prozent der ausgeführten Deckenschlüsse werde aus Gründen fehlender Kapazitäten bei den zuständigen Ämtern noch nicht erreicht. Die wissenschaftliche Untersuchung zeige jedoch klar, dass sich dieser Aufwand allemal lohne.

Bildungsangebote und technische Entwicklungen

Neben der Kontrolle kümmert sich der Verein jedoch auch intensiv um die Voraussetzungen, die erforderlich sind, um die Qualitätsanforderungen im städtischen Straßenbau besser umsetzen zu können. So wurden Aus- und Weiterbildungsinhalte entwickelt, beispielweise für den Betonstraßenbau der bundesweit anerkannte B-StB Schein. Das Fortbildungsangebot für gewerbliche Mitarbeiter wird inzwischen jährlich von rund 120 Teilnehmern aus dem Berliner Raum genutzt.
Auch technische Entwicklung wurde angestoßen. Als Beispiele nennt Helmut Lessing zum einen den in Berlin mittlerweile etablierten Thermobehälter. Er ermöglicht es, die nach punktuellen Aufgrabungen benötigten kleinen Mengen Walzasphalt mit der für einen fachgerechten Einbau erforderlichen Temperatur auf die Baustelle zu liefern und so die Qualität des Deckenschlusses zu gewährleisten. Weiterhin ist es in Berlin inzwischen Normalität, den Gussasphalt nur in Kochern mit Druck- und Temperaturaufzeichnung zu transportieren.
Für die Berliner Wasserbetriebe und der Gasversorger NBB ist gütegesicherter Straßenbau Standard. Die beiden Netzbetreiber fordern durchgehend in ihren Ausschreibungen von den Bietern einen Qualifikationsnachweis entsprechend dem Qualitätssiegel der QGS. Weitere Auftraggeber aus den Berliner Bezirken tun dies mehr oder weniger regelmäßig.

Helmut Lessing, Christian Guss
Christian Guss, Vorsitzender der Qualitätsgemeinschaft Städtischer Straßenbau (r.), und der Obmann des Qualitätsausschusses der QGS, Helmut Lessing: „Bei der Vergabe der Arbeiten für den Deckenschluss hatten seriöse Fachbetriebe mit einem gewissen Qualitätsanspruch mit Blick auf den Angebotspreis kaum eine Chance.“ | Foto: QGS

Der nächste Schritt

Spätestens mit der Einführung der selbst organisierten Baustellenkontrollen sieht sich die QGS hinsichtlich ihrer Strukturen und ihres Angebotes so gut aufgestellt, dass als nächstes der Schritt aus der regionalen Ausrichtung heraus hin zu einem überregionalen, bundesweiten Engagement erfolgen soll. In Vorträgen und mit einer verstärkten Öffentlichkeitsarbeit will die QGS mit ihren Kernargumenten Leitungsnetzbetreiber sowie Tief- und Straßenbauämter überzeugen. „Wir bieten dem Auftraggeber eine unbürokratische Eignungsprüfung der Bieter und ermöglichen ihm damit, die Straßenbauarbeiten VOB-konform und vergaberechtlich diskriminierungsfrei auszuschreiben“, erklärt der QGS-Vorsitzende. Zusammen mit den klar definierten Qualitätsanforderungen für die konkrete Baumaßnahme seien damit die Voraussetzungen für einen fairen, qualifizierten und transparenten Wettbewerb geschaffen. „Der Gedanke des zertifizierten Leitungsbaus ist hierzulande seit vielen Jahren etabliert, diese Idee lässt sich nun bis zur Oberfläche fortsetzen“, ergänzt Helmut Lessing.
Dort, wo Christian Guss und Helmut Lessing das System der Qualitätsgemeinschaft Straßenbau vorstellen, stoßen sie vielfach auf Zustimmung und Interesse. Der Schritt, den Qualitätsgedanken bis zur Oberkante der Straße auch umzusetzen und zu etablieren, bedarf aber in der Regel noch intensiverer Beratung und Überzeugungsarbeit und auch Einsicht in die Notwendigkeit seitens der Auftraggeber. „Das ist eine der zentralen Herausforderungen für das Jahr 2018“, gibt sich Christian Guss engagiert optimistisch.