Für mehr Artenvielfalt: Regenwasser naturnah versickern

OTTENHOFEN, 10.11.2017 – Der naturnahe Umgang mit Regenwasser hat vor dem Hintergrund des Naturschutzes erheblich an Bedeutung gewonnen. Das Gelände der Firma Skywalk im bayerischen Marquartstein ist ein gutes Beispiel für gelungenes Regenwassermanagement in Verbindung mit artenreicher Bepflanzung auf einem Gewerbegrundstück.

von Dr. Reinhard Witt, Ottenhofen

Artenvielfalt auf dem Gelände der Firma Skywalk
Zwei Jahre nach dem Neubau des Firmengeländes: Die Einsaaten machten sich bunt und kleiden die Gräben in immer wieder überraschende Momente.
Es wäre wünschenswert, wenn wir es schaffen würden, all unser Regenwasser vom Dach und den zu entwässernden Wegen und Plätzen auf dem Grundstück zu belassen. Das kann auch ansprechend in ästhetischer Form geschehen, also als offenes, erlebbares Wasser in all seinen Formen: linear oder mäandrierend als Sumpfgraben, Wassergraben oder flächig als Feuchtwiese, Wasserbecken oder Teich. Noch besser wäre es, wenn auch die Flora davon profitieren würde. Denn eine ökologische Regenwasserbewirtschaftung wirkt sich schnell auf unsere Wildpflanzen aus, die wir in einem Projekt natürlich mit berücksichtigen müssen. Das wiederum würde die tierische Vielfalt ungemein erhöhen. Jedes Stückchen genutzte Versickerungsfläche ist also ein Gewinn für den Naturschutz. In etlichen meiner Projekte ist die Natur inzwischen so eingekehrt, als ob sie nie weg gewesen wäre.
Überschwemmungen auf dem Skywalk-Gelände
Hochwasser im Juni 2013: Die Tiroler Achen standen kurz vor dem Dammdurchbruch, 7 m höher als normal. Alle frischen Einsaatflächen standen unter Wasser, die Gräben waren voll.

Natur pur bei Skywalk

Das Firmengelände der Skywalk GmbH & Co. KG ist eines von sechs in der Broschüre „Naturnahe Firmengelände - Vorbildunternehmen aus Deutschland“ genannten Unternehmen (Download unter www.naturnahefirmengelaende.de). Der Gewerbeneubau im Chiemgauer Marquartstein direkt am Alpenwildfluss der Tiroler Ache entstand im Jahr 2013 auf 3.547 m2 Fläche. Die Idee, das gesamte Wasser vom 1.000 m2 großen Gebäude (20 breit, 50 m lang und 10 m hoch) vor Ort oberflächig zu versickern und mit den so entstehenden Gräben, Mulden und Teichen ein Stück ursprüngliche Wildflussdynamik nachzugestalten, fand bei den Geschäftsführern Thomas Allertseder und Manfred Kistler Widerhall. 630 m2 Zufahrten mussten wegen der täglichen Lkw-Transporte und harten Schneewinter asphaltiert werden, so dass noch 1.917 m2 Außenfläche unversiegelt blieben. Das ergibt 54 % unversiegeltes Gelände – ein ziemlich guter Wert für Gewerbeflächen, die ja oft bis auf den letzten Meter zugebaut werden. So entstand eine dynamische Trocken-Wasserlandschaft, die im schlechtesten Fall das ganze Regenwasser von 1.000 m2 Dach- und rund 1.000 m2 Park- und Wegflächen aufnehmen muss. Das funktioniert so gut, dass sogar das Jahrtausendhochwasser Anfang Juni 2013 kein Überlaufen zur Folge hatte.

Naturteichbau bei Skywalk
Mit vier EPDM-Kautschukfolien werden Becken abgedichtet, damit das Wasser länger stehen bleibt. Das größte Becken ergibt den Naturteich und späteren Mitarbeitersitzplatz.

Das Projekt kompakt

Objekt: Skywalk, Windeckstr. 4, 83250 Marquartstein
Größe: 1.917 von 3.547 m2 bzw. 54 % der Gesamtfläche sind naturnah gestaltet
Planung und Bauleitung: Dr. Reinhard Witt
Projektleitung: Tom Allertseder, Carolin Fischer, Paul Stephl, Dr. Reinhard Witt
Pflanzenplanung: Dr. Reinhard Witt
Besonderheit: Das gesamte Regenwasser wird oberflächig in Gräben, Gumpen und Teichen versickert bzw. gehalten, naturnahe Pflanzstreifen bei Parkplätzen, viel stehendes und liegendes Totholz, artenreiche Bepflanzungen und Einsaaten
Gepflanzte Wildstaudenarten: 163
Gesäte Wildstaudenarten: 79
Blumenzwiebelarten: 50
Sträucher und Baumarten: 34
Naturnahe Gartenrosen: 9
Kosten: ca. 28 €/m2

Buchtipp
Hilgenstock/Witt: Das Naturgartenbau-Buch. Nachhaltig denken, planen, bauen. Böden, Baustoffe, Bauwerke, Bau- und Vegetationstechnik, Beispiele. Naturgarten Verlag, Ottenhofen 2017. 2 Bände, 816 Seiten, 2725 Fotos, 250 Schritt-für-Schritt-Praxisbeispiele. Naturgarten Verlag, Ottenhofen 2017.  Bezug über Buchshop von www.reinhard-witt.de

in Jahr nach dem Neubau: Die unbeschädigten Ansaaten keimten gut und zeigten sich in voller Blüte.