Wohnungsbau: Zweischalige Wand schafft EneV-Ziele spielend

LÜBECK, 22.01.2018 – Im Norden Deutschlands müssen Architekten ihre Bauherren nicht lang von den Vorteilen des zweischaligen Wandaufbaus überzeugen. Die gestiegenen Anforderungen an den Wärmeschutz lassen sich mit dieser Konstruktion spielend erreichen. Das beweist eine neue Wohnanlage in Lübeck.

Wohngebäude in Lübeck-Moislingen

Der harmonische Gesamteindruck entsteht durch den lockeren Versatz der Gebäude, die wellenförmigen Flachdächer und die beige-braune Ziegel-Verblendschale. | Foto: Grundstücks-Gesellschaft Trave mbH, Lübeck

Die Lübecker Grundstücks-Gesellschaft Trave mbH betreut im Stadtgebiet über 8.300 Wohnungen und modernisiert sukzessive ihren Bestand. Sie setzt dabei auch auf Abriss und Ersatzneubau, so zum Beispiel beim Neubau von sieben Mehrfamilienhäusern im Lübecker Stadtteil Moisling. Die Neubauten unterscheiden sich deutlich vom früheren Gebäudebestand. Statt der einst stringenten, riegelförmigen Wohnbebauung sah der Entwurf des Architekturbüros Zastrow und Zastrow auf dem langen, schmalen Grundstück eine freie Positionierung vor, bei der drei viergeschossige Häuser die ansonsten dreigeschossige Gebäudereihe auflockern.
In dieser neuen Wohnanlage am Schneewittchenweg mit insgesamt 93 öffentlich geförderten Wohnungen gibt es Zwei- bis Vierzimmer-Wohneinheiten mit bis zu 91 Quadratmetern. Die viergeschossigen Gebäude sind für seniorengerechtes Wohnen ausgelegt, alle Etagen werden über einen Aufzug erschlossen und sind barrierefrei nach DIN 18040 gestaltet. Für Familien stehen die dreigeschossigen Gebäude zur Verfügung. Jede Wohneinheit verfügt über einen Balkon bzw. im Erdgeschoss über eine Terrasse. Statt einer Unterkellerung ist in den einzelnen Wohnungen oder im Erschließungsraum jeweils ein Abstellraum vorgesehen.
Optische Highlights sind die leicht wellenförmig angelegten Flachdächer ebenso wie die beige-braune Ziegel-Verblendschale. Einheitliche Gestaltungselemente wie die weißen Fenster und schlichte Stabgeländer vermitteln einen harmonischen Gesamteindruck.

Wohnanlage von oben
Neue Wohnanlage am Schneewittchenweg in Lübeck: Sieben Mehrfamilienhäuser reihen sich locker auf dem langen, schmalen Grundstück aneinander. | Foto: Grundstücks-Gesellschaft Trave mbH, Lübeck

Traditioneller Wandaufbau mit modernen Vorteilen

Marie-Luise und Peter Zastrow entschieden sich nicht nur aus bauphysikalischen und wirtschaftlichen Gründen, sondern auch aufgrund optischer Aspekte bei den Fassaden für ein zweischaliges Mauerwerk. Die Außenwand setzt sich dabei zusammen aus tragendem Hintermauerwerk (d=36,5 cm) mit wärmedämmenden „Unipor W09“-Planziegeln, einer sechs Zentimeter dicken Mineraldämmplatte (Wärmeleitgruppe 032) als Kerndämmung und einer 11,5 Zentimeter starken Verblendschale aus Handstrichziegeln.
„Wir haben schon bei früheren Wohnungsbauprojekten für die TRAVE diesen Wandaufbau gewählt. Er hat in Norddeutschland eine lange Tradition. Dank der wirtschaftlich erreichten Außenwandqualität und des lebendigen Erscheinungsbildes mussten wir deshalb bei der Abstimmung mit dem Bauherrn eigentlich keine Überzeugungsarbeit mehr leisten“, so Peter Zastrow. Die bauphysikalischen Werte des Ziegel-Hintermauerwerkes sprechen für sich. So verbindet der von den Ziegelwerken Bergmann hergestellte „Unipor W09“-Planziegel eine relativ hohe Festigkeitsklasse 8 mit einer geringen Wärmeleitfähigkeit von 0,09 W/(mK). Er trägt damit entscheidend zu einem niedrigen Wärmedurchgangs¬koeffizienten der Fassade von 0,16 W/(m²K) bei.
So lassen sich auch ohne zusätzliche Energieeinsparmaßnahmen die verschärften Anforderungen der Energieeinsparverordnung 2016 mühelos übertreffen. „Ein zentraler Pluspunkt bei der Planung waren für uns die geringen Unterhaltskosten, die durch die Verblendschale gewährleistet werden“, so der Technische Leiter und Prokurist der TRAVE, Stefan Kofeldt. „Es treten keine Putzrisse auf und Witterungsschäden durch Schlagregen und Frost werden vermieden. Auch die Gefahr einer Verfärbung durch Algenbildung ist minimal, sodass die Fassaden langfristig ihr attraktives Erscheinungsbild behalten“.

Ziegel-Rohbau

Das Hintermauerwerk aus Unipor W09-Planziegeln punktet mit geringen Wärmeleitwerten. Die Wohnungstrennwände bestehen aus Unipor-Verfüllziegeln. | Foto: Knabe + Horn, Lübeck

Schlankes Ziegelmauerwerk mit Handstrich-Verblender

Nach dem Abriss der alten Wohnblöcke im Frühjahr 2016 begann die Friedrich Schütt & Sohn Baugesellschaft mit dem Rohbau des ersten Gebäudes. Der „Unipor W09“-Planziegel im 12 DF-Format (247 x 365 x 249 Millimeter) ließ sich zügig und mörtelsparend in deckelndem Dünnbettmörtel verlegen. Mithilfe von Mörtelschlitten stellten die Verarbeiter eine gleichmäßige Dünnbettmörtelschicht von einem Millimeter sicher. Auf eine Vermörtelung der Stoßfugen konnte wegen der Nut-Feder-Ausbildung an den Steinstirnseiten verzichtet werden. Die Knirsch-Verlegung der Mauersteine trug neben den wirtschaftlichen Vorteilen wesentlich zur hohen Tragfähigkeit der Innenschale bei.
Die Fassadenerstellung beaufsichtigt das Bauleitungsbüro Stefan Knabe und Arne Horn aufmerksam in allen Arbeitsschritten. Ein Hauptaugenmerk gilt dabei der Verhinderung von Wärmebrücken. So wurden die Stahlbetondecken bei ihrer Einbindung mit einer mineralischen Deckenranddämmung (60 mm) ausgestattet und die Wohnungstrennwände zudem mit beidseitigen Dämmstreifen in die Außenwand eingebunden.
Bei den Wohnungstrennwänden kommt ebenfalls ein dafür maßgeschneidertes Produkt der Ziegelwerke Bergmann zum Einsatz. Der „Unipor-Verfüllziegel“ wird ebenfalls in Dünnbettmörtel verlegt. Er zeichnet sich nach der geschosshohen Verfüllung mit geeignetem Beton insbesondere durch sein hohes Schalldämmmaß aus. So beträgt der Rechenwert des bewerteten Schalldämmmaßes R’w,R bei einer gewählten Wanddicke von 30 Zentimetern 57 Dezibel und stellt dadurch ein ungestörtes, ruhiges Wohnen sicher.

Baustelle in Lübeck-Moislingen
Zwischen den Gebäuden bleibt genug Platz für rund 60 PKW-Stellplätze sowie gemeinschaftliche Grünflächen. Die Wohnanlage hat eine Vorbildfunktion für kommende Neubau-Projekte im Sozialwohnungsbereich. | Foto: Knabe + Horn, Lübeck

Vorbild für den Sozialwohnungsbau

Ende Mai 2017 wurde Richtfest gefeiert. Bisher liegt man gut im Zeitplan. Voraussichtlich können die ersten Bewohner Anfang dieses Jahres einziehen, das letzte Gebäude soll im Sommer bezugsfertig sein. Mit Ausführungsqualität und Erscheinungsbild der erstellten Gebäude ist der Bauherr mehr als zufrieden. Trave-Geschäftsführer Dr. Matthias Rasch: „Die Wohnanlage hat Vorbildcharakter für weitere Neubauten im Sozialwohnungsbereich.“