Paasch verlegt Strom-Seekabel: Alles im Fluss auf der Hallig

LENNESTADT, 23.03.2017 – Zur Sicherstellung der Stromversorgung auf der knapp 2 km² großen Hallig Nordstrandischmoor musste ein Stromkabel vom Festland durch das Wattenmeer auf die kleine Nordseeinsel neu verlegt werden. Naturschutzauflagen, Zeitvorgaben und vor allem örtliche Besonderheiten machten die Kabellegung zur echten Herausforderung.

Baustelleneinrichtung hinterm Deich
Gesamtaufbau der Baustelle hinter dem Deich mit mobiler Mischanlage, Grundodrill 15, Generator, mobiler Recylinganlage AMC SRU 500 und Mischtanks. Im Watt steht der Ponton-Bagger bereit. | Foto: Tracto

Himmel und Meer, Wiesen und Schafe soweit das Auge reicht. Wie alle Halligen liegt Nordstrandischmoor nur wenige Meter oberhalb des Meeresspiegels und wird durch Sturmfluten regelmäßig überschwemmt. Zum Schutz vor diesem „Landunter“ stehen die wenigen Häuser der insgesamt 22 Bewohner auf künstlich aufgeschütteten Hügeln (sog. Warften). Die Versorgung der Hallig mit Strom und Trinkwasser erfolgt vom Festland. Weil die Stromversorgung nicht mehr störungsfrei lief, entschloss sich der Betreiber, die Schleswig-Holstein Netz AG, das 20-kV-Stromkabel zu erneuern. Die Trasse verläuft vom Umspannwerk in Breklum auf dem Festland bis zum Seedeich in Lüttmoorsiel und von da aus entlang des Damms durchs Wattenmeer nach Nordstrandischmoor.

Strenge Naturschutzauflagen


Die gesamte Maßnahme war in mehrere Teilprojekte unterteilt. Das Festland-Kabel von Breklum nach Lüttmoorsiel wurde schon 2013 neu gelegt. Der weitaus schwierigere Teil und eine Aufgabe für Spezialisten war die Legung durchs Watt und über die Hallig zum Anschlusspunkt. Die Auflagen waren streng, der Eingriff in Natur und Landschaft war nach dem Naturschutzgesetz im Vorfeld von der Naturschutzbehörde zu prüfen und zu genehmigen. Zu diesem Zweck wurden umfangreiche Verträglichkeitsprüfungen und Bodengutachten gemacht, die eine Kombination aus Pflugtechnik, offener Verlegung und HDD-Verfahren empfahlen. Die Wahrung der strengen Naturschutzauflagen stand während des gesamten Projekts im Vordergrund. Um ihre Einhaltung sicherzustellen, wurden alle Arbeiten von Biologen des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein (LKN) und einem Büro für Freilandökologie und Naturschutzplanung begleitet.

Pilotbohrung
Die Pilotbohrung mit Bohrkopf à la Paasch durch den fruchtbaren Marschboden. Die wertvolle Grasnarbe musste später wieder eingesetzt werden. | Foto: Tracto

Auftrag an Land gezogen


Entlang des 4 km langen Trassenabschnitts vom Seedeich nach Nordstrandischmoor wurde die Leitung Anfang Juli 2016 parallel zum Damm und der bestehenden Trinkwasserleitung mit einem Vibrationspflug eingepflügt. Auf der Hallig selbst sollte das Kabel im offenen Graben parallel zu den befestigten Wegen durch die Salzwiesen gelegt werden. Die Bohrungen für die Anlandung des Kabels sowie für die Anbindung der Transformatorstation und notwendige Unterquerungen entlang der offenen Trasse sollten im HDD-Verfahren ausgeführt werden.
Den Zuschlag für die komplette Neulegung von der Anlandung auf der Hallig bis zum Anschlusspunkt und alle dazugehörigen Arbeiten bekam im Frühjahr 2016 das Rohrleitungsbauunternehmen Paasch aus dem schleswig-holsteinischen Damendorf. Während Seniorchef Benno Paasch den Auftrag sprichwörtlich an Land holte, übernahm sein Sohn Martin Paasch die Projektierung. Erfahrung und Ortskenntnisse waren auch jetzt von großem Vorteil, denn bei der Vorbereitung war große Sorgfalt geboten. Allein der logistische Aufwand war enorm. Nichts durfte vergessen werden, weil die Hallig nur auf dem Wasserweg erreichbar ist.

Komplexe Aufgabe mit straffem Zeitplan


Für die Anlandungsbohrung sollte mit dem Grundodrill 15XP ein 70 m langes HDPE-Schutzrohr DA 225 mm durchs Watt unter dem Uferdamm hin auf die Hallig gelegt werden. Von dort aus verläuft die Trasse entlang der befestigen Wege durch die Salzwiesen zur Transformatorenstation und von dort weiter bis Anschlusspunkt am Seehafen. Für die Hin- und Rückführung des Kabels zur Transformatorenstation waren 2 x 4 Leerrohre (3 x DA 90, 1 x DA 50 DA) grabenlos im Bündel den Hügel hinauf und wieder hinunter zu verlegen. Dafür war der Grundodrill 4X vorgesehen, weil das Gewicht dieses kleinen HDD-Systems die für die betonierten Wege und Brücken zulässige Gesamtlast von 3,5 t nicht überschreitet. Zwischen Anlandung und Anschluss sollte das Kabelschutzrohr offen mit dem Minibagger entlang der befestigten Wege gelegt werden. Mit dem Grundodrill 4X sollten außerdem einige Wasserläufe, die die Trasse kreuzen, unterquert werden.
Für die gesamte Kabellegung auf der Hallig einschließlich der HDD-Bohrungen, offener Legung, Wiederinstandsetzung der Salzwiesen sowie abschließender Demontage des alten Kabels standen insgesamt nur elf Wochen zur Verfügung. Zusätzlich waren die Arbeiten abhängig von den Gezeiten und vom Wetter, das in dem Gebiet relativ schnell umschlagen kann.

Vorbereitungen und Pilotbohrung


Am 15. Juli war es soweit: Mit dem Frachtschiff wurden Bohrgeräte, Mischanlage, Recyclingeinheit, Stromgeneratoren, Baucontainer, Transportfahrzeuge, Werkzeug, Rohrmaterial, Kabeltrommeln und sogar die gefüllten Wassertanks zum Anmischen der Bohrflüssigkeit zum Seehafen von Nordstrandischmoor gebracht. Direkt im Anschluss wurde die Anlandungsbohrung vorbereitet. Alle Geräte wurden zur Baustelle hinter dem Deich gefahren, eine kleine Startgrube von ca. 0,7 m x 1,5 m wurde ausgehoben und der Zielpunkt im Watt mit Peilstab und Fähnchen markiert. Die einzelnen Rohrsegmente wurden vor Ort zu einem 70 m langen Strang zusammengeschweißt.
Am 17. Juli wurde planmäßig mit der Pilotbohrung begonnen. Die Bohrtrasse verlief über ca. 20 m bis auf 4,5 m Tiefe unter dem Uferdamm und über weitere 50 m in ca. 2 m Tiefe durchs Watt. Auf diesem Schlick siedeln sich blattlose Pflanzen an, auf denen die Salzwiesen wachsen. So entsteht ein fetter, fruchtbarer Boden der in bis zu 2 m Tiefe überwiegend aus altem Klei und Torf mit teilweise feinsandiger Oberfläche besteht. Sensible Bedingungen, aber kein Problem für den Grundodrill 15XP. Mit einem speziell angepassten Bohrkopf vom Typ SDH mit Steuerplatte von Paasch war der 70 m entfernte Zielpunkt im Wattenmeer nach gut einer Stunde erreicht.

Pontonbagger im Watt
Bei Ebbe früh am Morgen bringt der Ponton-Bagger den Verbaurahmen für Zielgrube zum Zielpunkt durchs Watt. | Foto: Tracto

Heikler Aushub bei Ebbe


Der Rohreinzug konnte erst am nächsten Tag erfolgen, weil das Ausheben und Verbauen der Zielgrube nur im trockenen Watt bei Ebbe innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne möglich war. Bei Niedrigwasser zu arbeiten stellte auch sicher, dass der ausgehobene Wattboden und anstehende Bohrspülung / Bentonit nicht weggespült werden. Die nächste Ebbe war am folgenden Morgen um 4:00 Uhr früh und ein Subunternehmer rückte mit einem mit Verbauplatten beladenen Ponton-Bagger an, um die Zielgrube auszuheben und zu sichern. Kein einfaches Unterfangen mit dem schweren Gerät, das sich prompt als der heikelste Teil der Maßnahme herausstellte. Denn beim Ausheben des Wattbodens traf die große Baggerschaufel den Pilotrohrstang und verbog ein Bohrgestänge. Das hätte eine erneute Pilotbohrung oder sogar ein Scheitern der Bohrung bedeuten können. Doch den Profis von Paasch gelang es, das abgeknickte Gestänge an Ort und Stelle auszubauen und durch ein neues zu ersetzen. Das Einsetzen der schweren Stahlplatten für den Grubenverbau geschah dann auch mit äußerster Vorsicht und anschließend ging es ohne Zwischenfälle weiter.

Rohreinzug und Verpressung im sensiblen Ökosystem


Der Bohrkopf wurde durch einen Backreamer Ø 300 mm ausgetauscht und der am Ufer ausgelegte Rohrstrang vorsichtig mit einem kleinen Bagger über den Damm zur Zielgrube gehoben und angeschlossen. Zum Schluss wurde ein Pumpenschlauch in die Zielgrube gelassen, um die Bohrspülung abzusaugen und zur Recyclinganlage auf dem Festland zu befördern. Obwohl in dem relativ weichen Boden nicht viel Bohrflüssigkeit zurückfloss, sollten möglichst keine Rückstände bleiben. Bentonit ist zwar ein organisches Material, gilt in dem sensiblen Ökosystem des Wattenmeers aber als „artfremd“ und Rückstände hätten zu Ausbläsern führen können, die das empfindliche Ökosystem beinträchtigen. Deshalb war ein kleiner mobiler Recycler vom Typ AMC SRU-500 im Einsatz, der die Spülung auffing und so aufbereitete, dass die Feststoffe später auf dem Festland ordnungsgemäß entsorgt werden konnten.
Die Zugkräfte des Grundodrill 15XP waren mehr als ausreichend, um den Rohrstrang problemlos einzuziehen. Nach knapp zwei Stunden war das 70 m lange Schutzrohr gelegt und konnte verpresst werden. Das Verpressen war ebenfalls eine Vorgabe der Naturschutzbehörde um zu verhindern, dass die Leitung bei Überflutungen in dem wasserhaltigen Boden schwimmt. Zu guter Letzt wurde die Zielgrube mit dem ausgehobenen Boden verfüllt und die Grasnarbe wieder eingesetzt. Die Anlandungsbohrung war komplett.

Rohreinzug
Das Kabelschutzrohr DA 225 mm wird zusammen mit drei kleinen Leerrohren für die Verspressung eingezogen. | Foto: Tracto

Zeit gespart mit Rohrbündeln


Als nächstes stand die grabenlose Legung der Kabelschutzrohre zur gerade neu gebauten Transformatorenstation an. Weil der Rücktransport der 15XP durch das Frachtschiff um eine Woche verschoben worden war, kam Projektleiter Martin Paasch beim Betrachten der Gegebenheiten spontan die Idee, die insgesamt acht Leerrohre nicht einzeln mit dem Grundodrill 4X, sondern in zwei Bündeln à vier Rohren jeweils die Warft hinauf und herunter mit dem Grundodrill 15XP zu legen. Die Frage war nur, wie man das Bohrgerät dorthin bekommen sollte, denn wegen seines Gesamtgewichts von knapp 11 t durfte der 15XP nicht über die befestigten Wege gefahren werden. Der Besitzer des Geländes hatte jedoch nichts dagegen, das Bohrgerät über seine Salzwiesen fahren zu lassen.
Die Verlegung der zwei Rohrbündeln, bestehend aus je drei Rohren DA 90 und einem Rohr DA 50 über jeweils 78 m Länge war innerhalb von zwei Tagen erledigt. Durch den Einsatz des größeren Bohrgeräts wurden knapp zwei Tage eingespart. Kostbare Zeit, wie sich später noch herausstellen sollte.

Vorsicht mit Salzwiesen


Nun folgte die offene Legung des Kabelschutzrohrs vom Anlandungspunkt am Deich zum Seehafen mit dem Minibagger. Eine Auflage der Naturschutzbehörde war die möglichst geringe Belastung und Wiederinstandsetzung der Salzwiesen, die ein wichtiges Rast- und Brutgebiet für verschiedene Vogelarten sind. Damit die Grasnarbe möglichst schnell wieder anwächst, wurde sie in schnurgeraden Bahnen mit einem eigens aus Irland angeschafften Sodenschneidgerät ausgeschnitten. Für die Düker unter den Prielen (flussartige Ausläufer des Wattenmeers, die die Salzwiesen durchziehen), die die Trasse kreuzen, kam wie geplant der Grundodrill 4X zum Einsatz. Insgesamt neun Priele waren auf der alles in allem rund 3 km langen Trasse auf einer Gesamtlänge von 230 m zu unterqueren.

„Schietwetter“ sorgt kurz für Aufregung


Die Legearbeiten gingen zügig voran, doch Anfang August schlug das Wetter um. Eine Sturmflut wurde angekündigt und es hieß „Alles auf die Warften!“. Während die Halligbewohner die Deiche sicherten und die Schafe in die Notställe brachten, musste das Paasch-Team die komplette Ausrüstung ins Trockene bringen. Bohrgeräte, Zubehör, Kabeltrommeln und wirklich alles was dazugehört wurden auf die Norderwarft gebracht, wo die Mannschaft auch ihr Quartier hatte. Doch zum Glück gab es nur ein kleines Landunter.
Nach drei Tagen war das Wasser wieder abgelaufen und die Arbeiten wurden fortgesetzt. Das klappte so gut, dass der Seehafen schon am 2. September erreicht wurde. Weil das alte Stromkabel dort wegen der geringen Entfernung zum Deckwerk (aufgeschüttete Befestigungen der Uferdämme) von nur 3 m nicht zurückgebaut werden konnte, wurde eine neue Trasse in Absprache mit allen Beteiligten gewählt. Der neue und letzte Teil der Trasse verläuft jetzt in sicherem Abstand von 10 m zum Deckwerk. Damit war die Legung der Schutzrohre komplett, aber die Arbeiten noch nicht abgeschlossen.

Grundodrill 15XP auf Nordstrandischmoor
Der Grundodrill 15XP bei der Pilotbohrung für die Legung der Rohrbündel zur Transformatorenstation auf der Amalienwarft. | Foto: Paasch

Neue Leitung vorzeitig in Betrieb


Bevor die neue Stromleitung in Betrieb genommen werden konnte, galt es zuerst, das neue Kabel in die Schutzrohre einzuziehen, die Soden wieder einzusetzen, die Funktion des neuen Kabels zu prüfen, die Zugkräfte zu dokumentieren und alte Kabel vollständig zurückzubauen. Für den Einzug des neuen 20-kV-Kabel in die Leerrohre in Abschnitten von 500 m wurde schließlich eine Kabelziehwinde benutzt, um die Trailer mit den schweren Kabeln so wenig wie möglich bewegen zu müssen. Denn der Achsabstand des Hängers ist breiter als die befestigten Wege und die Räder drohten die seitlichen Grünflächen zu beschädigen. Die Grasbahnen ließen sich dank der geraden Schneidkante gut wieder einfügen, das dauerte rund fünf Tage. Im letzten Arbeitsschritt wurde das alte Kabelsystem, beginnend auf dem Festland in Lüttmoorsiel, vollständig zurückgebaut.
Die neue Stromleitung konnte Mitte September, ganze zwei Wochen vor Fristende, in Betrieb genommen werden. Der Auftraggeber Schleswig-Holstein Netze ist mehr als zufrieden mit dem reibungslosen Projektverlauf und der Ausführung. Martin Paasch und seine Leute sind stolz auf den erfolgreichen Abschluss dieses nicht alltäglichen Projekts und die Bewohner von Nordstrandischmoor freuen sich, dass der Strom wieder ohne Unterbrechung vom Festland aus fließt.


Diesen Beitrag lesen Sie auch in unserer aktuellen Ausgabe (1/17) der B_I umweltbau.