Kieler Ostseekai: Abwasser-Anlage mit Modellcharakter

KIEL, 29.08.2017 – Nach sechsmonatiger Bauzeit ist am Kieler Ostseekai am 14. Juni Europas modernste Annahmeeinrichtung für Schiffsabwasser in Betrieb genommen worden. Für den Bau der Anlage wurden aus Umweltschutzgründen und wegen der Beständigkeitsanforderungen Steinzeug-Rohre und -Bauteile verwendet.

Mein Schiff 3 am Kieler Ostseekai

Das Kreuzfahrtschiff „Mein Schiff 3“ nutzte als erstes die Abnahmeeinrichtung. | Foto: B_I / Valdix

Kreuzfahrtschiffe müssen zum Schutz des Meeres aufgrund eines Beschlusses der Ostseeanrainerstaaten ab dem Jahr 2021 (Neubauten ab 2019) ihre Abwässer vollständig in den Häfen abgeben bzw. unter Einhaltung bestimmter Grenzwerte an Bord klären. Für den Kieler Ostseekai wurde im Auftrag des Port of Kiel deshalb durch das ortsansässige Ingenieurbüro IPP ein Abwasserreaktor zur Behandlung von Schiffsabwässern der Kreuzfahrtschiffe geplant. Das oft aggressive Abwasser der Kreuzfahrtschiffe kann nicht ohne Vorbehandlung in die öffentliche Kanalisation abgegeben werden.
140 Kreuzfahrtschiffe laufen in diesem Jahr den Kieler Hafen an, 90 % davon liegen am Ostseekai. Bisher konnten 30 m3 Abwasser pro Stunde aufgenommen werden. Die neue 1,8 Mio. teure Anlage schafft das Zehnfache. Sie besteht aus mehreren hundert Metern kaiseitigen Druckrohrleitungen, die nördlich des Terminalgebäudes in bis zu 75 m3 fassende Speicherbehälter mit Analyse- und Behandlungstechnik münden. Über Pumpstationen sowie weitere Druckleitungen wird der Anschluss an das kommunale Abwassersystem hergestellt. „Wir investieren in eine saubere Ostsee. Mit der Kapazitätserweiterung leistet Kiel einen wichtigen Beitrag zum Schutz des Meeres und erfüllt damit bereits heute erst im Jahr 2021 in Kraft tretende Anforderungen“, so Dr. Dirk Claus, Geschäftsführer der Seehafen Kiel GmbH & Co. KG, bei der Einweihungsfeier. Mit der neuen Anlage nehme Kiel eine Vorreiterrolle ein, da kaum ein anderer Hafen bisher derart große Abwassermengen annehmen könne.

Symbolische Inbetriebnahme
Am 14. Juni wurde die neue Anlage am Kieler Ostseekai durch Öffnung der Schieber symbolisch in Betrieb genommen (v.l.): Dietmar Wienholdt (Ministerium für Umwelt des Landes Schleswig-Holstein), Doris Grondke (Baudezernentin Landeshauptstadt Kiel), Kjell Holm (TUI Cruises-Kapitän „Mein Schiff 6“), Dr. Dirk Claus (Geschäftsführer Port of Kiel), Dr. Ulf Kämpfer (Oberbürgermeister Landeshauptstadt Kiel) | Foto: B_I / Valdix


Nötige Beständigkeit spricht für Steinzeug

Zur effektiven Behandlung der angefaulten Abwässer soll zusätzlich Ozon-Gas an Stelle von reiner Druckluft eingesetzt werden. Da Ozon extrem aggressiv ist und eine Mindestnutzungsdauer > 20 Jahre abgesichert werden musste, kamen Steinzeug-Rohre der Firma Steinzeug-Keramo mit zahlreichen Sonderbauteilen in der Nennweite DN 1200 auf einer Länge von ca. 60 m mit einem Fließgefälle von ca. 0,4% in kompakter Bauform mit Richtungsänderungen von 90° (vier Leitungsstränge) ins Gespräch. Der Speicherinhalt beträgt maximal ca. 74 m3. Zum System gehören Pumpenschächte und ein Technikcontainer. Fragen der Beständigkeit von Material und Dichtelementen wurden laborseitig bei Steinzeug-Keramo abgesichert. Die Machbarkeit bezüglich der Sonderbauteile wurde zwischen der technischen Abteilung (KCAS) und der Produktion geprüft und im Zuge des Projektes in Details verfeinert.
Weitere besondere Anforderungen waren die Auftriebssicherheit auch bei höchstem Grundwasserstand (Sturmflutereignis) und die statische Stabilität unter Schwerlastverkehr bei sehr geringer Überdeckung. Vier integrierte Steinzeug-Revisionsöffnungen DN 1000 mit korrosionsfesten Abdeckplatten, Winkelsegmente 90°, Endstücke mit Zu- und Ablaufanschlüssen (DN 500/DN 250), zwei exzentrische Anschlüsse für Abluftleitungen DN 300, acht Anschlüsse für Druckleitungen und Messtechnik jeweils als Steinzeugstutzen mit Ringraumdichtungen in den Nennweiten DN 125, DN 150, DN 200 wurden ausgeführt. Einbauelemente wie Edelstahl-Prallbleche und Begasungsleitungen mussten am Innenrohr zu fixieren sein.

Neue Möglichkeiten

Die Anlage wurde im Februar 2017 bezüglich des Einbaus der Steinzeugsegmente abgeschlossen. Durch die enge Zusammenarbeit aller Beteiligten konnte das System mängelfrei im engen Zeitrahmen abgewickelt werden. Bis zum April wurde die gesamte Systemtechnik installiert und der Oberflächenschluss hergestellt. Pünktlich zur Reisesaison konnten bereits die ersten Kreuzfahrtschiffe ihre Abwässer in das Behandlungssystem abgeben.
„Diese Form der Projektbearbeitung ist für uns als Steinzeugrohranbieter eine neue Form der Bearbeitung von Objekten und zeigt neue Einsatzmöglichkeiten für unsere Produkte auf“, so Jürgen Schneider, Gebietsleiter bei Steinzeug-Keramo. „Wir haben gezeigt, dass wir neben den Standardprodukten auch Potential für kundenorientierte Sonderlösungen haben. Dies hat gut funktioniert, weil hierbei Vertrieb, Technik und Produktion sehr gut zusammengearbeitet haben.“ Die enge Abstimmung mit dem Bauausführenden habe für Vertrauen gesorgt; dadurch hätten kleine Änderungswünsche noch rechtzeitig vor Auslieferung berücksichtigt werden können, so Schneider weiter, der von dem Bau der modernen Anlage für Steinzeug-Keramo eine positive Signalwirkung erwartet: „Hier ist ein Vorzeigeprojekt entstanden, das uns an weiteren Standorten Projektmöglichkeiten eröffnen kann.“
Das erste Kreuzfahrtschiff, das die neue Annahmeeinrichtung am 14. Juni nutzte, war „Mein Schiff 3“, das zusammen mit „Mein Schiff 6“ zur Zeit der Einweihung der Anlage im Kieler Hafen lag. Eine Pflicht zur Ausrüstung der Häfen mit solch modernen Abwasseranlagen weltweit forderte Dietmar Wienholdt, Abteilungsleiter für Wasserwirtschaft, Meeres- und Küstenschutz im Umweltministerium des Landes Schleswig-Holstein. Im Sinne des Umweltschutzes wäre dies allemal; Kiel hat vorgemacht, wie es geht.

Baustelle der Abwasseranlage am Kieler Ostseekai
Nur sechs Monate dauerte der Bau Europas modernster Annahmeeinrichtung für Schiffsabwasser am Kieler Ostseekai. Die Anlage hat eine Kapazität von 300 m3 Abwasser pro Stunde. | Foto: Port of Kiel