BIL beweist Überfälligkeit einer zentralisierten Bauanfrage

BONN, 10.11.2017 – Das Bundesweite Informationssystem zur Leitungsrecherche (BIL) ist seit Februar 2016 in Betrieb und hat seit Gründung bereits 46 teilnehmende Leitungsbetreiber aller Sparten zur Mitarbeit gewinnen können. Über 7.000 Nutzer haben mehr als 50.000 Anfragen im Jahresschnitt über das Portal abgesetzt. Erstmals steht damit der Bauwirtschaft ein kostenfreies, bundesweites Auskunftsportal für die Bauanfrage zur Verfügung.

Von Dipl.-Ing. Jens Focke, BIL eG

Der BIL-Anfrageprozess
Kern des BIL-Anfrageprozesses | Abbildungen: BIL

Nach wie vor ist die ungewünschte Fremdberührung von Rohrleitungen Hauptursache für Leitungsschäden, die zumeist aus Nachlässigkeit in der Erkundigung oder mangelnder Sorgfalt auf der Baustelle entstehen. Nach Aussage der Versicherungen entstehen im Bundesgebiet im Jahresverlauf über 100.000 Leitungs- und Kabelschäden mit Folgekosten von über 2 Mrd. Euro. Es ist zu einfach, dieses Volumen dem Fehlverhalten der Bauwirtschaft zuzuschreiben, da die Dynamik in der Szene der Leitungsbetreiber bedingt durch Neugründungen, Namensänderungen nach Umfirmierung und Konzessionsänderungen sehr hoch ist. Darüber sind Leitungslagen in nicht öffentlichem Grund häufig nicht bekannt oder werden mangels Signalisierung übersehen. Die europäische ENISA-Arbeitsgruppe (European Union Agency for Network and Information Security) hat in einer Marktanalyse 2014 die Vorgehensweise in sechs westeuropäischen Ländern Dänemark, Großbritannien, Niederlande, Schweden, Belgien und Frankreich beschrieben. Alle Länder verfügen über zentrale Bauanfrageportale mit hoher Akzeptanz, welche größtenteils durch gesetzliche Vorgaben und deren Unterstützung implementiert und betrieben werden.

Interesse an rückfragearmen Beschreibung des Bauvorhabens

Alle BIL-Mitgliedsunternehmen sind sich einig, dass die Unkenntnis der Bauwirtschaft über die Leitungslagen unbefriedigend ist und die zuverlässige Recherche zuständiger Unternehmen vereinfacht werden muss. Eine Vereinheitlichung und Vereinfachung der Leitungsauskunft ist in Zeiten zunehmender Bauaktivitäten mit den heutigen Mitteln der Digitalisierung auch geboten. Im Vordergrund steht dabei der Funktionserhalt der unterirdischen Betriebsmittel und der Gewinn an Sicherheit. Sowohl Anfragende als auch Betreiber haben Interesse an einer rückfragearmen Beschreibung des Bauvorhabens und der Zustellung der nur den jeweiligen Leitungsbetreiber tatsächlich betreffenden Anfrage. Damit können bei den in der Fläche agierenden Betreibern ein Großteil der Leerauskünfte vermieden werden, was das Arbeitsaufkommen erheblich reduziert bzw. den Antwortprozess bei Betroffenheit zeitlich beschleunigt. Die Akzeptanz zur Nutzung von Portalen kann dabei nur gelingen, wenn eine barrierefreie Erstellung der Bauanfrage durch Kostenerhebung und Vorabregistrierung vermieden wird. Die Formulierung einer rückfragearmen Bauanfrage ist auch in den aktuellen Regelwerken nicht eindeutig beschreiben.
BIL bietet einen internetbasierten – also durchgängig digital verfügbaren – Prozess an, der als Trichter die Anfragen bündelt, die Zuständigkeit prüft, relevante Anfragen an den Betreiber weiterleitet und den Gesamtprozess mit seinen Daten archiviert. Dabei erlaubt BIL erstmals die Beschreibung einer geographischen Bauanfragefläche auf Basis eines kartographischen Kontextes.

Die Verschneidung von Dienstsitz und Ort der Bauanfrage zeigt, dass 40% der Anfragen ohne Ortsbezug des Anfragenden gestellt werden.
Die Verschneidung von Dienstsitz und Ort der Bauanfrage zeigt, dass 40% der Anfragen ohne Ortsbezug des Anfragenden gestellt werden.

Konzentration auf den Anfrageprozess

BIL konzentriert sich dabei ausschließlich auf den Kernprozess der Anfrage, um basierend auf den in BIL unsichtbar hinterlegten Zuständigkeitsflächen der Betreiber eine Positiv- und Negativliste zu erstellen. Die Positivliste sind die ermittelten Teilnehmer, denen die Anfragen unmittelbar zugestellt werden. Der Betreiber selbst prüft die eigene Art der Betroffenheit und kommuniziert alle Informationen über das BIL-Portal. Damit verbleibt der Kernprozess der Leitungsauskunft in der Hand des Betreibers. BIL hält keine Leitungsdaten und Asset-Informationen der Betreiber vor.
Falls BIL auf dieser Grundlage die Zuständigkeit eines Betreibers ermittelt, hat dieser zwei Möglichkeiten, die digitale Bauanfrage von BIL zu bearbeiten. Mit den Standardwerkzeugen des BIL-Portals lässt sich jede Bauanfrage einsehen und beantworten. Die Weiterverarbeitung in schon vorhandenen Systemen zur Prozessbearbeitung macht ggf. bei großen Anfragemengen Sinn und erfordert die Übernahmen des Bauanfragepolygons und der beschreibenden Information in das Backend-System des Betreibers zur dortigen Verarbeitung. Der gesamte Workflow, einschließlich der ausgetauschten Daten ist im BIL-Portal archiviert und erzeugt Widerspruchsfreiheit im Schadensfall.

Mehrwerte

BIL zentralisiert den Bauanfrageprozess für den Anfragenden, der mittels BIL jeden ihm bekannten Leitungsbetreiber erreichen kann, selbst wenn dieser noch nicht bei BIL organisiert ist. Die Mailweiterleitung erlaubt dem Anfragenden, alle angefragten Betreiber übersichtlich und prozesskonform zu verwalten. Die Entgegennahme der Anfragen reduziert sich auf nur noch einen Eingangskanal, dessen Bekanntheitsgrad höher liegt als die Individuallösung eines einzelnen Betreibers. Im Rahmen der Zuständigkeitsprüfung teilt BIL auch die Gemeindekontaktdaten mit, die sich als Treffer aus der formulierten Bauanfrage ergeben. Der Betreiber erhält eine standardisierte digital verwertbare Anfrageinformation, reduziert um die ihn nicht betreffenden, außerhalb seiner Zuständigkeitsfläche liegenden Anfragen.

Sicherheit und Recht

Der technische Sicherheitsaspekt einer Bauanfrage macht es erforderlich, dass der Anfragende sein Vorhaben klassifiziert, damit sich daraus ein Flächenzuschlag für das Bauanfragepolygon ergibt. Naturgemäß sind bei Sonderbauwerken größere Abstandflächen zu berücksichtigen als bei lokalem Tiefbau.
Die Archivierung sämtliche Daten und Dokumente werden gemäß den gesetzlichen Bestimmungen archiviert und sind für den Anfragenden in Listenform und räumlich dargestellt und für den Betreiber statistisch auswertbar. Die Entgegennahme der Anfragen aus nur einem Eingangskanal vereinfacht nicht nur den Antwortprozess, sondern dient auch dem Datenschutz. Obsolete Anfragen und die damit verbundenen – auch personenbezogene – Daten werden im Falle von ermittelter „Nicht-Zuständigkeit“ erst gar nicht beim Betreiber zu speichern sein. Die zu archivierenden Dateninhalte liegen auf einem zertifizierten deutschen Rechenzentrum und benötigen ggf. kein eigenes Archiv und den damit verbundenen Speicherplatz.
Die von BIL getätigten Aussagen zur Zuständigkeitsprüfung in Form der Positiv- und Negativ-Liste sind aktuell und rechtlich gesichert. Dies wird durch die Aktualisierung der Zuständigkeitsflächen durch den Betreiber selbst garantiert, der mit BIL einen bilateralen Dienstleistungsvertrag abgeschlossen hat. Anfragen an „Nicht-BIL-Teilnehmer“ sind möglich, wenn der Anfragende über die Kontaktinformationen des anzufragenden Betreibers verfügt. BIL will keine Vermutungen zu lokalen möglicherweise zeitkritischen Zuständigkeiten machen.

Korridorbildung durch das BIL-Portal
Korridorbildung durch Baustellenklassifizierung

Kosten der Mitwirkung

Die Nutzung des BIL-Portals ist gemäß der gesetzlichen Verpflichtung eines jeden Leitungsbetreibers zur kostenfreien Leitungsauskunft möglich. Dies gilt auch für Privatpersonen und die Betreiber selbst. Im solidarischen Bedürfnis der Leitungsbetreiber nach Erhalt von Anfragen werden die Kosten der Genossenschaft und des Portalbetriebes nach der Größe der mitwirkenden Unternehmen umgelegt und jährlich je nach Zuwachs der Teilnehmer reduziert. Das genossenschaftliche Prinzip verfolgt keine Gewinnerzielungsabsicht.

Betriebserfahrung nach 18 Monaten

Über die BIL-immanente Zuständigkeitsprüfung wurden bis August 2017 von 56.272 an das BIL-Portal gestellten Bauanfragen über 25% als „nicht zuständig“ ermittelt und endlich beim Betreiber nur 13.813 Anfragen als tatschlich betroffen identifiziert. Für den einzelnen Betreiber bedeutet dies eine Reduktion der Anfragen von bis zu 80% und damit eine erhebliche Arbeitseinsparung in Folge von nicht zu beantwortenden Leerauskünften bzw. Nullbescheiden. Auch kann herausgearbeitet werden, dass fast 40% der Anfragen über große Entfernungen vom Dienstsitz des Anfragenden gestellt werden, so dass lokale Kenntnis der möglichweise dort agierenden Betreiber fehlt. Daher ist es besonders für kleine und unbekannte Leitungsbetreiber sowie in der Fläche agierende Unternehmen attraktiv, sich dem BIL-Portal anzuschließen, um vom Bekanntheitsgrad der renommierten Fernversorger mit hohen Anfragezahlen zu profitieren. BIL gibt im Rahmen der Online-Prüfung auch die Gemeindekontakte an, um die Recherchemöglichkeit zu verbessern. Die Nachfrage bei den Gemeinden nach lokalen Betreibern würde im Ergebnis bereits zu Beginn des Jahres 2017 in über 57% der Bundesgebietsfläche einen BIL-Teilnehmer identifizieren, der über das BIL-Portal anzufragen ist.