Jordaniens Wasser-Minister:

„Deutschland ist unser wichtigster Partner“

BERLIN, 05.05.2015 – Bei der Bewältigung wasserwirtschaftlicher Probleme spielt Know-how und Technologie aus Deutschland für Jordanien eine wichtige Rolle. Am Rande der Wasser Berlin International hatte die bi-UmweltBau Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem Minister für Wasser und Bewässerung Jordaniens, Dr. Hazim El-Naser.

Dr. Hazim El-Naser
„Deutschland ist für uns der allererste und wichtigste Partner, wenn es um Wasser und technische Zusammenarbeit geht.“ Dr. Hazim El-Naser
Karte Jordanien und Nachbarstaaten
Jordanien plant den Bau einer 270 Kilometer
lagen Pipeline vom Roten Meer bis ins Tote Meer.
Das Projekt soll zusammen mit den Israelis
und den Palästinensern durchgeführt werden.
bi UmweltBau: Herr Minister, wo sehen Sie in der Versorgung Ihres Landes mit Trinkwasser und in der Abwasserentsorgung die größten Herausforderungen, die es in den kommenden Jahren zu bewältigen gilt?
 
Dr. Hazim El-Naser: Jordanien ist das zweit- oder dritt- wasserärmste Land weltweit, gemessen an der vorhandenen Menge Wasser pro Person und Jahr. Die Wasserknappheit führt zu hohen Belastungen, großer Verantwortung und finanziellen Herausforderungen, sowohl für die Regierung als auch die Menschen. Die Erschließung von knappen Wasserressourcen ist teuer, die Ausnutzung der natürlichen Vorkommen hat ihr Maximum erreicht. Da weitere natürliche Trinkwasserreserven de facto nicht existieren, müssen wir technische Mittel einsetzen um die Verfügbarkeit  zu erhöhen. Das ist der Grund, warum dieser Prozess so kostspielig ist. Er lastet bereits unter normalen Bedingungen schwer auf den Schultern der Regierung und der Jordanier. Unter den außergewöhnlichen Umständen der Krise in Syrien verschärft sich die Situation erheblich und wird äußert kritisch. Aktuell strömen Millionen syrischer Flüchtlinge nach Jordanien, mit denen wir das wenige Wasser, das wir haben, teilen. So erleben schlussendlich alle Menschen in unserem Land dringenden Wassermangel.
Das Abwasser ist ebenfalls ein problematischer Sektor. Nur etwa 55% der Jordanier sind an eine öffentliche Kanalisation angeschlossen. Der Bau von Kanalnetzen und Kläranlagen ist teuer. Teil unserer Strategie ist es, das Wasser aus Abwasseranlagen als neues, nutzbares Wasser zu betrachten. Deshalb ist Jordanien ein Land, in dem – womöglich einzigartig weltweit – 100% des behandelten Abwassers wiederverwendet werden.
 
bi-UmweltBau: Welche wichtigen wasserwirtschaftlichen Projekte befinden sich aktuell in der Realisierung oder in Planung?
 
Dr. Hazim El-Naser: Innerhalb der jordanischen Grenzen sind in den zurück liegenden Jahren alle nationalen Wasserressourcen erschlossen worden. Wir haben in unserem Land keine weiteren Vorkommen, die wir der Bevölkerung zur Verfügung stellen können. Das ist der Grund, warum Jordanien einen neuen Weg eingeschlagen hat, der regionale Zusammenarbeit heißt. Wir wollen mit unseren Nachbarn kooperieren, vor der Krise mit Syrien, nun mit Israelis und Palästinensern. Aktuell planen wir ein wirklich umfangreiches Projekt, das in einer 270 Kilometer lagen Pipeline Wasser aus dem Roten Meer in das Tote Meer befördern wird. Dieses Großprojekt führen wir zusammen mit den Israelis und den Palästinensern durch. Vor allen Dingen, um mit einer Entsalzungsanlage Trinkwasser für die Jordanier, die Palästinenser und die Israelis zu generieren, jedoch auch, um das Tote Meer zu schützen. Denn wie Sie wissen stirbt das Tote Meer gewissermaßen, da der Meeresspiegel von Jahr zu Jahr sinkt. Wir möchten deshalb zusätzliches Wasser in das Tote Meer pumpen, damit sich der Wasserspiegel stabilisieren kann.
Dieses ambitionierte Projekt ist nicht nur wichtig wegen der Wasser- und der Umweltziele, es ist auch wichtig für die regionale Zusammenarbeit. Politisch ist es von so großer Bedeutung, weil es das einzige Projekt ist, das Jordanier, Palästinenser und Israelis zusammenbringt. Und persönlich glaube ich folgendes: Wenn man es nicht schafft, beim Thema Wasser zu kooperieren, wird man auch bei keinem anderen Thema zusammenarbeiten können. Denn alle Länder brauchen Wasser. Wasser ist Leben! Deshalb können wir auf diesem Gebiet mit unseren Nachbarstaaten kooperieren und vielleicht kann hierauf aufgebaut werden, um einen echten Frieden im Nahen Osten zu erreichen.
 
bi-UmweltBau: Welche Rolle spielen Technologien und Unternehmen aus Deutschland bei der Bewältigung wasserwirtschaftlicher Probleme in Jordanien?
 
Dr. Hazim El-Naser: Ich denke, eine große Rolle. Deutschland ist das Land der Technologie, der Innovation und das Land mit einer flexiblen, nutzerorientierten Industrie. In meiner Eröffnungsrede zur Wasser Berlin International habe ich zu einer Partnerschaft zwischen der deutschen Industrie und der arabischen Welt durch German Water Partnership aufgerufen. Ich glaube, dass German Water Partnership ein wichtiges Vehikel zum Transfer von Technologie aus Deutschland in die arabische Welt ist und um gleichzeitig die Bedürfnisse der arabischen Welt nach Deutschland zu befördern. Auch wir haben eine Organisation in der arabischen Welt ins Leben gerufen, die Hand in Hand mit German Water Partnership arbeitet. Sie heißt Arab Countries Utilities Water Association (ACWUA). Ich glaube mit diesen beiden wichtigen Organisationen können wir eine klare, langfristige Vision für die Perspektiven der deutschen Industrie in Jordanien und der arabischen Welt entwickeln, um echte Probleme zu lösen und Veränderungen umzusetzen.
Lassen Sie mich noch zwei Worte zu Jordanien verlieren, warum spreche ich immerzu von Jordanien? Jordanien ist das Land mit der größten Wasserknappheit in der arabischen Welt. Alle arabischen Länder schauen nach Jordanien, das ihnen als Vorbild gilt. Und jene Technologien oder Management-Strukturen, die in Jordanien funktionieren, wollen sie am nächsten Tag kopieren. Deshalb habe ich zu meinen deutschen Kollegen und Freunden in verschiedenen Meetings und Reden während der letzten zwei Tage gesagt, sie sollten Jordanien als ihren Hub betrachten, von dem man die anderen arabischen Länder wirklich erreichen kann.
Dr. Hazim El-Naser im Gespräch mit der bi-UmweltBau
„Ich glaube, dass German Water Partnership ein wichtiges Vehikel zum Transfer von Technologie aus Deutschland in die arabische Welt ist und um gleichzeitig die Bedürfnisse der arabischen Welt nach Deutschland zu befördern.“ | Alle Fotos: bi
bi-UmweltBau: In welchen Bereichen würden Sie sich eine intensivere Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern wünschen?
 
Dr. Hazim El-Naser: In vielen Feldern würde ich gerne mehr Zusammenarbeit zwischen Jordanien und Deutschland sehen: Natürlich bei der Ausbildung von Personal, aber auch beim Aufbau adäquater Verwaltungsstrukturen. Denn diese sind wichtig, nicht nur für Jordanien, sondern für die gesamte arabische Welt. Denn Teil unseres Problems in unserer Region sind die unzureichenden Verwaltungs- und Organisationsstrukturen im Bereich Wasser. Ich betrachte die Ausbildung von qualifiziertem Personal als den Kern eines verantwortungsvollen Umgangs mit den Wasserressourcen und für das Wasser Management in unserer Region. Deshalb ist dies ein Feld, in dem wir gerne mehr Zusammenarbeit mit deutschen Firmen, Institutionen und Gesellschaften sehen würden.
Ich denke das zweite Gebiet, wo es zu wenig Zusammenarbeit gibt, und zwar nicht nur in Jordanien sondern weltweit, ist der Betrieb und die Wartung der Wasseranlagen. Es gibt auf diesem Markt weltweit kaum Wettbewerb, weil es nur wenige Anbieter gibt. Dies beschert uns keine besonders komfortable Position und dies gilt eben nicht nur für Jordanien oder die arabischen Länder, sondern für die ganze Welt. Darum wünschen wir uns, dass die Deutschen Wasserbetriebe sich am Betrieb und Erhalt von Trink- und Abwasseranlagen in der arabischen Welt beteiligen. So könnten wir mehr Wettbewerb erzeugen, und gleichzeitig den Transfer von Management Know-How in die arabische Welt sicherstellen. Es gibt viele Themen, wo ich gerne mehr Zusammenarbeit zwischen Deutschland und uns sehen würde, aber ich kann Ihnen sagen, dass in der arabischen Welt nur wenig Wissen über die deutsche Industrie in den Sektoren Wasserwirtschaft und Umwelt vorhanden ist. Lassen Sie mich noch einmal betonen, dass ich German Water Partnership als eine großartige Möglichkeit betrachte, Ihre Industrie mit unseren Bedürfnissen zusammenzubringen.
 
Das Gespräch führten Artur zu Eulenburg und Azmi Ghneim.

Das vollständige Interview lesen sie in der Ausgabe 3/2015 der bi-UmweltBau.