Kanalkinder in Rumänien: Leben in der Unterwelt

GROESBEEK (NL), 25.05.2016 – Die Kanäle von Bukarest dienen zur Entsorgung von Abwasser und Versorgung mit Fernwärme. Und sie dienen bettelarmen Kindern als Obdach. Peter Brink, Geschäftsführer des niederländischen Abwasserentsorgungsdienstes Brink Rioolbeheer, war dort. Ein sehr persönlicher Erfahrungsbericht über erschütternde Zustände in einem Land Europas.

Von Peter Brink

Zugang zum Kanalsystem in Rumänien
Freigelegter Zugang zum Abwassersystem in Bukarest.

März 2015. In Valkenswaard, Niederlande, spreche ich mit Theo van Hoof, Gründer der Stiftung S.O.S. Straatkinderen, einer niederländischen Stiftung für hilfsbedürftige Straßenkinder. Er erzählt mir von seiner Arbeit und seiner Erfahrung als Sozialarbeiter für Obdachlose und Drogenabhängige in den Niederlanden und über seine große Leidenschaft: Die Arbeit für Straßen- und Kanalkinder in Rumänien. Und nachdem ich ein Video über das Leben der Kinder in der Kanalisation von Bukarest gesehen habe, beschließe ich, mich für diese extrem gefährdete Gruppe einzusetzen.

September 2015

Nach einem Flug von knapp über zwei Stunden lande ich in Bukarest. Es ist ein schöner Spätsommerabend bei 25 Grad. Die Nacht bricht herein, als ich zu Fuß vom Hotel nach Gara de Nord laufe, um dort etwas zu essen. In einem kleinen Park höre ich plötzlich Geflüster. Ein etwa 15-jähriger Junge taucht aus dem Gebüsch auf. Seine Handbewegung über den Bauch ist eindeutig. Ein paar Meter weiter sehe ich einen weiß gestrichenen Kanalisationsschacht. Die Seite wurde freigegraben und etwa 1,5 Meter weiter unten ist eine kleine Öffnung in der Schachtwand zu erkennen. Meine Neugier ist geweckt, aber die Lücke ist zu klein, um einen guten Blick in das Innerste werfen zu können.
Später am Abend komme ich mit Pater Lucas ins Gespräch. Meine erste Begegnung mit den Kanalkindern kommt schnell zur Sprache. Von einem Abstieg in die Kanalisation unter Begleitung der Kanalkinder rät er dringend ab. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass man dabei ausgeraubt wird, denn die Kinder sind bettelarm und zu allem in der Lage, vor allem, wenn sie Klebstoff geschnüffelt haben. Die Kanalkinder suchen aus verschiedenen Gründen Unterschlupf in der Kanalisation. Zum Einen, um sich gegen das Wetter zu schützen, besonders bei Regen und Kälte, und zum Anderen um sich vor der Polizei zu verstecken. Viele Schächte haben eine Doppelfunktion, einerseits dienen sie als Abwasserkanal und andererseits verlaufen in ihr die Fernwärmerohre, auf denen die Kinder schlafen und sich vor der Kälte schützen.

Pionierarbeit

Die Polizei ist kein Freund der Straßenkinder. Sie werden aus den Abwasserkanälen gejagt, verhaftet und 300 Kilometer weiter im Wald wieder frei gelassen. Das trägt zweifelsohne in keiner Weise zur Lösung des Problems bei. Am nächsten Tag fahre ich mit dem Bus nach Constanta, eine Hafenstadt am Schwarzen Meer. Mein Ziel ist in Sicht: Das Casa Sami Kinderheim der Stiftung S.O.S Straatkinderen. Das Heim wurde in Pionierarbeit von Theo van Hoof für Kinder von 0 bis 18 Jahren gebaut. Straßenkinder, Waisenkinder, Kinder aus Roma-Familien oder anderer Herkunft erhalten hier ein Frühstück, saubere Kleidung, können duschen, spielen und kommen in Kontakt mit Wohltätigkeitsarbeit.
Das Haus ist ein sicherer Ruhepol in ihrem hektischen Leben. Und das alles wird von Privatpersonen und Unternehmen, hauptsächlich aus den Niederlanden, aber auch aus Deutschland und Schweden finanziell unterstützt. Wegen der Akkreditierung wird das Heim nur von offiziell ausgebildeten Sozialarbeitern aus Rumänien geleitet. Alles im kleinen Stil, aber äußerst effektiv, denn die Hilfe kommt direkt bei den Kindern an, die es am dringendsten brauchen.

Straßenkind auf einem Kanalschacht
Ein warmer Kanaldeckel dient als Schlafplatz.

Nicht in Worte zu fassen

Am nächsten Tag erkunde ich die Umgebung. Der Alltag hier ist nicht einfach. Ich laufe durch eine kleine Unterführung, die sich im Bau befindet, und stehe plötzlich an einen unbefestigten Platz in einem heruntergekommenen Viertel. Die Rohre der Fernheizung verlaufen hier größtenteils oberirdisch, aber die erforderliche Rohrdämmung wurde bereits durch die Anwohner entfernt, um ihre Häuser und Baracken damit zu isolieren. Etwas weiter macht das Fernwärmerohr einen Knick und verschwindet in einen Tunnel unter einem Bahngleis. Mir wird schnell klar, dass dieses Gebiet das Revier der Straßenkinder ist. Zurückgebliebene Kleidung, Essensreste, Schlafsachen und ein unbeschreiblicher Geruch von Fäkalien in der Luft. Ich dachte, ich wäre es gewohnt. Wie ist es wohl, hier als Achtjähriger schlafen zu müssen, besonders während der strengen Frostperiode?
In Casa Sami ist Köchin Maria jeden Morgen schon früh im Einsatz. Brote schmieren für die Straßenkinder, die tröpfchenweise das Heim besuchen. Darüber hinaus sorgt Maria mit spärlichen Mitteln für eine warme Mahlzeit, meistens eine Art Gemüsesuppe, damit die Kinder wenigstens etwas Warmes in den Magen bekommen. Am Nachmittag sitze ich im "Wohnzimmer", wo die Kleinsten aufgefangen werden. Gemeinsam Kinderlieder singen, ein Spiel spielen - alles für mich ganz normale Dinge, aber für ein Straßenkind ist das etwas ganz Besonderes...
Nach und nach lerne ich das gesamte Team kennen. Es sind alles engagierte, junge Menschen, gut ausgebildet und bereit, den Straßenkindern auf ihren Weg Schritt für Schritt in ein besseres Leben zu begleiten. Verschiedene Religionen und Glaubensrichtungen arbeiten hier Schulter an Schulter für das Wohl der Straßenkinder.

 

Eine „echte“ Familie

Nördlich von Constanta liegt die Stadt Corbu. Hier befindet sich die Familienersatzeinrichtung der Stiftung. Es ist ein freistehendes Einfamilienhaus mit selbstständiger Verwaltung und ein kleines Stückchen Land, wo eigenes Gemüse angebaut wird. Hier werden die Kinder aufgefangen, die ihrem eigenen Schicksal überlassen wurden, da der Vater und/oder die Mutter sich nicht mehr um ihre Kinder kümmern, im Ausland arbeiten oder verstorben sind. Die aufgenommenen Kinder bekommen hier das Gefühl, wie in einer „echten“ Familie aufzuwachsen. Sie erhalten ein Bett, Mahlzeiten, können duschen und gehen zur Schule. Es können auf diese Weise bis zu acht Kinder aufgenommen werden. Ein Ausbau wird jedoch dringend benötigt. Das Haus wurde von verschiedenen Unternehmen mit Spendengeldern auf- und umgebaut. Die Mannschaft der niederländischen Marine hat beispielsweise während ihres Aufenthalts in Constanta im ganzen Haus Laminat verlegt. Allerdings sind die niederländischen und rumänischen Rechtsvorschriften hinsichtlich der Elektrizität unterschiedlich. Es gibt noch viel Raum für Verbesserungen, vor allem, weil in diesem Haus kleine Kinder leben. Die Wartung ist sowieso aufgrund der begrenzten finanziellen Mittel ein heikles Thema. Das Renovieren der Küche, die Absicherung der Steckdosen, das Dämmen des Heizungsraums der Ölheizung, usw., erfordern Investitionen, die nur über Spenden realisiert werden können.

Unterschlupf in einem Abwasserschacht: Die Kinder suchen in den Kanälen Schutz vor Regen, Kälte und der Polizei.
Unterschlupf in einem Abwasserschacht: Die Kinder suchen in den Kanälen Schutz vor Regen, Kälte und der Polizei.

Die Allerärmsten

Ich bekomme die Gelegenheit, Ellen, eine niederländische Freiwillige, die bereits seit vielen Jahren in Rumänien lebt und arbeitet und die Sprache spricht, zu den Allerärmsten zu begleiten. Sie wohnen in sehr kleinen, feuchten Häusern, ohne Fenster mit einer kaputten Tür, einigen Matratzen auf dem Boden, einem Kühlschrank und einem kleinen Schrank für ihre Habseligketen. Mehr gibt es nicht. Der Strom wird illegal abgezapft, und das Wasser kommt aus einem entfernten Brunnen. In einer Ecke steht ein Holzofen. Eine Dusche gibt es nicht und die Toilette ist draußen. Und ich frage mich: Ist dies Europa anno 2015? Ellen macht eine ganz tolle Arbeit. Sie ermutigt die Kinder, in die Schule zu gehen, mit finanzieller Unterstützung der Stiftung. Darüber hinaus werden der Vater und/oder die Mutter in der Betreuung der Kinder und soweit wie möglich auch bei anderen Dingen unterstützt, wie beispielsweise das Reparieren eines undichten Dachs oder beim Stellen eines Antrags für offizielle Dokumente. Denn ohne Ausweis existiert man im Grunde gar nicht. Mit einem herzlichen Abschied von dem gesamten Hilfsteam schließe ich diese Woche ab. Ein Blick in die Küche öffnet mir erneut die Augen und ich sehe die dankbare Arbeit der Stiftung.

November 2015

Während ich diesen Artikel schreibe, denke ich an die Kanalkinder zurück. Ich fühle mich mehr und mehr mit diesen Kindern verbunden. Es sind die kleinen Dinge, die den Unterschied machen, wie das Verteilen einer warmen Mahlzeit, mit den Kindern zu spielen, das Verteilen trockener, sauberer Kleidung, oder der Moment, wenn ein Kind auf dem Schoß klettert und dir eine Umarmung gibt. Kinder in einer solchen Situation haben oft keine faire Chance erhalten. Mit Ihrer Hilfe, wie das Spenden von Kleidung und Spielzeug, oder durch einen finanziellen Beitrag, können wir den Straßenkindern helfen, in ihrem Leben einen Schritt voran zu kommen, und ihnen eine bessere Zukunft bieten. Es ist nicht einfach und wird sicherlich nicht immer von Erfolg gekrönt sein, allerdings ist Nichtstun und Wegsehen zu einfach. Aktuell gibt es viele Krisenherde und Probleme in dieser Welt, aber auch diese Kinder verdienen eine Zukunft! Helfen Sie mit? Weitere Informationen über die Stiftung finden Sie auf www.sos-straatkinderen.nl/ oder kontaktieren Sie mich direkt: Peter Brink, Tel. +31-6-15841977 oder per E-Mail an: info@brink-rioolbeheer.nl.



Diesen Bericht lesen Sie auch in unserer aktuellen Ausgabe (3/16) der bi-UmweltBau.